Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 10 (1.6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 3 Freunde und Feinde des Hilfsvereins. Der Hilfsverein hat keine Gegner. Liberale und Zionisten, Orthodoxe und Freidenker, alle politischen und religiösen Gruppen, stimmen darin Uberein, daß die Arbeit des Hilfsvereins für das gesamte Judentum Deutschlands von lebenswichtiger Bedeutung ist. /Denn niemand kann leugnen, daß für Zehntausende unserer Manschen heute die einzige Zukunftchance in der Auswanderung liegt, und da Palästina zur Zeit nur einen verhältnismäßig geringen Teil unsrer Menschen aufnehmen kann, kommt der Arbeit des Hilfs* Vereins, dem die Betreuung der gesamten nicht'palästinensischen Auswanderung obliegt, entscheidende Wichtigkeit zu. Monat für Monat ermöglicht der Hilfsverein durch seine finan» ziclje Unterstützung Hunderten von Menschen die Auswanderung, vor allem nach Uebersee. Weiteren Hunderten .hilft er dulrcn seine sachkundigen Beratungen, aus eigner Kraft den Weg zu gehen. So mag der Hilfsverein mitunter von andern jüdischen Stellen zwar wegen einzelner Mängel kritisiert werden, im Grunde aber ist die unbedingte Notwendigkeit seiner Arbeit und die hingebungs» volle Tätigkeit seiner Mitarbeiter' von allen .Seiten anerkannt.' Aber wenn der Hilfsverein keine Gegner hat, so hat er doch — Feinde, gefährliche Feinde, von denen hier einmal offen geredet ■werden muß. Sie sind an Zahl zwar verschwindend gering. Aber ihre Schädlichkeit. für die Gesamtheit ist deshalb nicht weniger groß. Der erste dieser Feinde, der sich freilich über die Verwerf* Tichkcit seines Handelns oft nicht in vollem Urofang Rechenschaft ablegt ist derjenige, der öffentliche jüdische Mittel -'unberechtigter» weise in Anspruch nimmt. Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß Auswanderer dem Berater hoch und heilig beteuern, sie "hatten kein Geld und könnten auch keines aufbringen, so daß der Hilfsverein ihnen unbedingt die Passage bezahlen müsse. Geht man aber diesen Angaben auf den Grund, so stellt man oft nicht Unerhebliche Mittel fest, die aber lieber zu Neuanschaffungen vor d<r Auswän» derung verwendet werden sollen. So menschlich verständlich ein solcher Wunsch oft sein mag, so unverantwortlich ist seine* Durch» fUhrung auf Kosten der jüdischen Allgemeinheit. Ebenso unverantwortlich ist es, wenn die Auswandernden; die ihre Reise nicht selbst bestreiten können, oft im Ausländ schwer verwendbares Umzugsgut mitnehmen und Abschlüsse rnit Spedi» tionsfirmen tätigen, ohne sich vorher mit dem Hilfsverein über die Aufbringbarkeit der Transportkosten zu verständigen. Sie bringen damit'sich selbst in unangenehmste Verlegenheit, stellen hierdurch die gesamte Finanzierung ihrer Reise in Frage und machen durch diese unüberlegte Handhabung auch den Speditionsfirmen die ord» nungsgemäße Abwicklung der Transportfrage unmöglich. Gewiß sucht sich der Hilfsverein durch sorgfältige Recherchen von der wirtschaftlichen Lage der Betreffenden ein Bild zu machen. Aber bei der Belastung seiner Arbeitskräfte kommt es doch immer wieder vor, daß Fehlangaben sich erst nachträglich als solche her* ausstellen. Leider scheut der ganz Uberwiegende anständige Teil unsrer Menschen sich oft, derartige unlautere Manöver öffentlich niedriger z|u hängen — eine verständliche und nicht einmal un» sympathische, aber unter den heutigen Umständen doch durchaus falsche Rücksichtnahme. In einer Zeit, in der. wir zum großen Teil nur mit Hilfe ausländischer Gelder die Auswanderung unserer Min« derbemittelten bestreiten, und in der die wirkliche Not mit jedem Tag größer wird, ist die mißbräuchliche Inanspruchnahme, öffent» lieber Mittel besonders verwerflich. Weniger Feinde als Störenfriede sind jene, welche die Arbeit des Hilfsvereins durch Krakeelen, Beschwerden und ähnliches un» berechtigtermaßen stören. Jeder einzelne Mitarbeiter .des Hilfs* Vereins ist sich dessen bewußt, daß nicht allen Juden in Deutschland geholfen werden kann, und gerade dieses Bewußtsein erschwert ihm seine Arbeit innerlich so sehr. Unter solchen Umständen jeden Tag von neuem bis zum Aeußersten seine Pflicht zu tun, d. h. hintereinander 30 oder 40 Fälle — Menschenschicksale! — anzuhören, zu durchdenken, aktenmäßig zu bearbeiten und nach Aus dem Reich. Neues Einwanderungsgesetz in Ecuador. 'Der Hilfsverein der Juden in Deutschland teilt folgendes mit: Vor kurzem ist in Ecuador ein neues Einwanderungsgesetz in Kraft getreten. Obwohl sich Anfang dieses Jahres in der ccuadori» anischen Öeffentlichkeit Bestrebungen gegen eine jüdische Immigra» tioh bemerkbar machten, hat das neue Gesetz diesen Strömungen nicht nachgegeben. Es enthält' keine Bestimmungen, die die Juden' ausdrücklich erwähnen und sie von anderen Einwanderern nach« tcilig' unterscheiden. Somit besteht die (Hoffnung, daß die Ein« Wanderung nach Ecuador, die seit einiger Zeit fast völlig ruhte, künftig in beschränktem Maße wieder möglich sein wird. Das Gesetz geht von dem Grundsatz aus, daß die Einwanderung solcher Personen erwünscht ist, die neue Industrien errichten, bestehende- Manufakturen verbessern, sich wissenschaftlich betä» tigen oder sonst dem Land nützlich sind. Im einzelnen soll allen Einwanderern die Niederlassung m Ecuador gestattet sein, sofern sie die in dem Einwanderungsgesetz aufgeführten Voraussetzungen er» füllen. Zu diesen Voraussetzungen gehört in erster Linie der Besitz eines Vorzeigegeldes von 400 Dollars, die entweder in einem land» Möglichkeit einer Lösung zuzuführen, das ist eine Leistung, von der sich kaum ein Außenstehender eine rechte Vorstellung macht. Selbstverständlich kommen in dieser Arbeit Fehler vor, mit' unter auch Ungerechtigkeiten — denn niemand kann den Menschen ins Herz sehen, und kein Berater ist unfehlbar — aber soviel kann gesagt werden, daß kein einziger Mitarbeiter des Hilfsvereins es an gutem Willen fehlen läßt, und daß deshalb Beschwerden wohl gegen' eine sachliche Entscheidung, nicht aber in persönlicher Form gegen einen Berater, vorgebracht werden sollten. Dennoch macht man immer wieder die Erfahrung, daß Menschen, denen vielleicht Unrecht geschehen ist, sich nicht, oder höchstens In angemessener Form, beschweren, während die am lautesten sind, die am allcrwcnig» sten Recht zur Beschwerde hätten. Mehr Selbstkritik, mehr Rück» sichtnah'mc wäre die erste Pflicht derer, die im Kritisieren anderer so groß sind. Es wäre verhängnisvoll, den Schatz von Vertrauen, auf dem die Arbeit unserer jüdischen Organisation beruht, bös»1 lieh zerstören zu lassen. Der gleiche Tvpus von Menschen, der in Deutschland durch lautes anspruchsvolles, wenn .nicht sogar anmaßendes Auftreten dem Hdlfsverein und den 'anderen jüdischen Stellen die Arbeit erschwert, schädigt nur allzu häufig das judische Ansehen auch während und nach der Auswanderung. Wie oft ist in den Be» richten der letzten Jahre von taktlosem Benehmen mancher Aus» wanderer auf den Schiffen die Redel Als ob sich nicht der Jude bei i.ler Auswanderung aus Deutschland als würdiger Repräsentant einer leidgeprüften Schicksalsgemeinschaft fühlen -und bewähren müßte. 'Als ob er nicht die Pflicht hätte, denen, die nach ihm kom» men wollen, Sympathien zu erwerben, wo immer er hinkommt! Aber noch schlimmer als unpassendes Betragen während der Fahrt, ist die Haitang mancher Kreise im Auswandcrungsland, deren Gleichgültigkeit gegen das Schicksal der noch in Deutschland Vcr« bliebenen und zur Nachwanderung Drängenden, ja deren Hart» herzigkeit bei jedem Appell an ihre Hilfsbereitschaft oft die Em» pörung der einheimischen Juden ausgelöst hat. Gewiß handelt' es sich, und noch einmal sei es betont, um Mißverständnisse und übelwollende Auslegungen dieser selbstkritischen Darlegungen zu vermeiden, nur um eine Minderheit der Auswanderer, die sich so benimmt. Aber der Schaden, den sie den Interessen der Gesamt» heit zufügt, steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Zahl. Mit Dank und Freude aber sei von den Menschen die Rede, die materiell und vor allem moralisch die Arbeit des 1 lilfsvcreins erst ermöglichen. Hierher gehören nicht nur all jene guten Juden, die den Hilfsverein so unterstützen, wie es ihrem Vermögen und Einkommen unter Berücksichtigung der heutigen allgemeinen Not entspricht, sondern hierher gehören vor allem viele Hundertc von unseren mittellosen Schützlingen. Alle jene, die trotz ihrer oft schwierigen Lage nicht murren und die Geduld verlieren, sondern warten, bis ihre Auswanderung endlich bewerkstelligt werden kann, und die dann zu den Kosten jede Mark beitragen, die sie unter Alnspannung aller Kräfte aufbringen können — all jene, deren bescheidenes Benehmen auf den Schiffen eine Empfehlung für un» serc Gemeinschaft bedeutet, und die in Uebersee kein anderes Ziel kennen, als nach der Gründung einer eigenen Existenz auch Freun» den und Bekannten die Einwanderung zu ermöglichen, sie gehören zu den wertvollsten Freunden des Hilfsvereins. Wenn man die zahllosen, oft übcrschwänglichcn Dankbriefe und die Berichte über glückliche Einordnung im Einwandcrungs» lande auf die eine Wagschalc legt, und jene schon geschilderten Irreführungsversuche, ungerechtfertigten Beschwerden usw. auf die andere, so ist im ganzen das Ucbergcwicht der ermutigenden Er« fahruqgcn gewaltig. Aber in einer Zeit, in der die Arbeit des Hilfsvcrcins für einen großen Teil der Juden Deutschlands rettende Bedeutung hat, ist es notwendig, alle Kräfte anzuspannen, um die negativen Erscheinungen noch seltener werden zu lassen und die positiven noch zu vermehren. wirtschaftlichen Betrieb oder in einem Industric»Untcrnchmen in» vestiert werden müssen. Die Ehefrau und die minderjährigen Kinder sind von der Vorzeigegcldverpflichtung befreit, sodaß bei Familien» cinwanderung nur der Ehemann im Besitz des Vorzcigcgcldcs zu \scin braucht. Auch Landwirte, die «inen Arbeitsvertrag mit crYiem landwirtschaftlichen Unternehmer in Ecuador geschlossen haben, bedürfen keines Vorzeigcgcldes. Außer dem Vorzeigcgeld muß jeder Einwanderer ein Einreise» Visum haben, das von dem zuständigen ccuadorianischcn Konsulat erteilt wird. Zur Erteilung des Visums ist die Vorlegung eines poli» zeitlichen Führungszeugnisses erforderlich Das Visum wird vcr» sagt, wenn der Einwanderungswillige moralisch oder geistig minder» wertig ist oder einer Partei angehört, deren Bestrebungen die Ord» nung und Sicherheit in Ecuador gefährden. Ferner wird das Visum Personen unter 18 Jahren nicht erteilt/sofern sie nicht durch ihre Eltern oder andere in Ecuador ansäßige erziehungsbcrcchtigtc Per» sonen angefordert werden. Auch alleinrciscndc 'Frauen, die picht genügend Mittel zum, Lebensunterhaltbesitzen, , erhalten kein Visum. Ob einer dieser Versagungsgründe vorliegt, entscheidet der zuständige Konsul nach freiem Ermessen. , Die übrigen. Vorschriften des Gesetzes, dessen Inhalt wir dem soeben erschienen Bulletin d'Information der H1CEM entnehmen,