Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 9 (1.5.1938)
- Date
- 1938-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 9 so verabschiedeten Gemeindekinder kleideten ihren Dank und ihre guten Vorsätze in den Spruch „Jung sein heißt sein Leben wagen" und verhalfen damit der stimmungsvollen Feier zu einem erhe» benden Ausklang. Lothar Benedick'N. Isr. Frauenverein Pirmasens. Nach längerer Pause vorsammeltc der Isr. Frauenverein seine Mitglieder am 6. April abends zu einem gemütlichen Beisammen' sein im Restaurant Mayer. Die Vorsitzende, Frau 'Bertha Beiersdorf, begrüßte die Anwesenden und gedachte der dahingeschiedenen Mitglieder, insbesondere der Ehrenvorsitzenden Frau Selma Kiwi, welcher der Verein ein unauslöschliches Andenken bewahrt. Auch der großen Anzahl der ausgewanderten und fortgezogenen Vereins« Schwestern widmete sie Worte des Gedenkens und erstattete einen kurzen Bericht über die Tätigkeit des Vereins in der vergangenen Zeit. — Als Gast weilte unter den zahlreich erschienenen Mitgliedern Frau Loni Meinen Maser, ehemalige Opernsängerin aus Mainz. ■* Sie erfreute durch ihre Plauderei „Erlebtes und Erlauschtes". Die liebenswürdige, beschwingte Art ihres Vortrages, der mit echtem Humor viel Interessantes aus dem reichen Erinnerungsschatze der Rednerin brachte, gestaltete den Abend zu einem solchen wirklicher Entspannung und Erholung. — Nächste Pfundspenden»Verteilung: Mittwoch, 'den 11. Mai, 'nachmittags 4 Uhr, im Gemeindesaal. Abschied von Herrn Max Stern. Am Schabbath haggadol, Samstag, den 9. April, weilten das Mitglied des Synagogenrats unserer Gemeinde, Herr Max Stern und dessen Gattin zum letzten Male vor ihrem Wegzuge nach Frank« furt in unserem Gotteshausc. Nachdem Herr Stern wie schon so oft die I laftarah vorgetragen hatte, richtete Herr Bezirksrabbiner Dr. Ncllhaus an ihn im Auftrage des Synagqgenrats eine Ansprache, in welcher er ausführte, inwiefern sich Herr Stern für seine Lebens« fuhrung und Gemeindcarbeit den Wahlspruch Simons des Gerechten zu eigen gemacht habe, den Spruch: „Auf drei Säulen beruht die religiös« sittliche Weltordnung, auf der Gotteslehre, dem Gottes»1 dienst und der Ausübung von Liebeswerken". Herr Dr. Nellhaus sprach voll Anerkennung von dem segensreichen Wirken dieses trefflichen Mannes, der sich ab ein vorbildlicher Freund und För« derer aller religiösen und sozialen, aller kulturellen und künstleri»1 sehen Bestrebungen und Einrichtungen in unserer Gemeinde und Gemeinschaft bewährt hat, und gab im Namen der Gemeinde, der Chcwra Kadischa, des Jüd. Kulturbundes, Ortsgruppe Pirmasens, sowie vieler anderer jüd. Organisationen und Empfindungen der Dankbarkeit^ und des Schmerzes über sein Scheiden aus unserer Mitte und den Wünschen aller Gemeindegenossen für sein und seiner Familie ferneres Wohlergehen warmherzigen Ausdruck. Herrn Max Stern seien auch'- in diesem Blatte einige Zeilen zum Abschied gewidmet: Unser sehr bewährtes Mitglied der isr. Kultusgemeinde und des Synagogenrates, Herr Max Stern, hat Pirmasens verlassen, um nach Frankfurt a. M.. überzusiedeln. Wir bedauern den Weg« gang dieses allezeit einsatzbereiten (Mitarbeiters umsomehr, ab* er eine wirkliche Stütze der Gemeinde war und auf kulturellem, religiösem und isozialem Gebiete, insbesondere /als langjähriger Kassier der Chewra Kadischa, wertvolle Dienste geleistet hat. Für sein ersprießliches Winten sprechen wir ihm auf diesem Wege nochmals unseren herzlichsten und aufrichtigsten Dank aus und begleiten ihn und seine Gattin mit den besten Wünschen an ihren neuen Wohnsitz. Der Synagogenrat. Tiefbewegt danken wir dem Synagogenrat und Herrn Dr. Nellhaus für die uns zum Abschied erwiesenen Ehrungen und rufen allen werten Gcmeindemitgliedern auf diesem Wege ein herzliches „Lebewohl" zu. Ab Ablösung für Abschiedsbesuche haben wir der Wohlfahrtsstelle der Isr. Kultusgemeinde Pirmasens eine Geld» spende zugehen lassen. Max Stern und Frau. Sederfeier. \ Auch in diesem Jahre fand am ersten Peßachabend im Restau» rant Mayer eine Sederfeier statt, welche unser Rabbiner leitete. Das Gesetz unseres Lebens. Die Sabbathabschnitte des Monats Ijar, mit welchen das 3. Buch Moses abschließt, bilden gleichsam die Zusammenfassung und vermitteln uns den Sinn all der zahlreichen vorangegangenen Gesetze und Bestimmungen. „Ihr sollt heilig werden, denn heilig bin Ich euer Gott (19,2)*)" und „Haltet «Such heilig, damit ihr heilig werdet (20,7)". Diese beiden Sätze «teilen den Sinn der Thora überhaupt dar und es wäre eine Verkennung der vielfältigen Vorschriften, wollte man 'sie 'durch Anschauungen zu erklären suchen, die unserem modernen Gedankenkreis entnommen sind. Gerailc in der Bibelcrklärung unserer Zeit sieht man mehr denn je ein, den Fehler begangen zu haben, unser heiligstes Gut mit1 modernen geleiteten Dogmen und Hypothesen und nicht mit dem vom Text seihst gewollten Sinn zu erforschen. Heute versucht man die Texte der Bibel aus der Schreibart und den Anschauungen der Zeit zu erklären, in welcher sie entstanden sind. Es ist nur zu verständlich, wenn zahlreiche. „Satzungen und Vorschriften auf den babylonischen Kulturkreis zugeschnitten sind, in welchem das jüd. Völle lebte. Während aber die Gesetze Babylonicns ihre Grund» läge im Ciotterglaubcn haben, hat das Judentum bei aller Achn« lichkeit mit den Gesetzen Babyloniens, seinen Gesetzen ,'dicse Grundlage entzogen und an ihre Stelle das Ziel der Heiligung gc» Etwa 20 jüdische Menschen saßen am festlich gedeckten Tisch und hielten den Seder, „wie die Satzung es uns gebeut". Es war ein Abend, der in allen Teilnehmern eine weihevolle Stimmung er» weckte und ihr Herz mitten im trüben Alltagsleben mit neuer Hoffnung und Zuversicht erfüllte. Reichsbund jüd. Frontsoldaten, Ortegruppe Pirmasens. Aus dem Tätigkeitsbericht. Wenn auch der Reichsbund jüd. Frontsoldaten, Ortsgruppe Pirmasens im verflossenen Jahre seine Tätigkeit nicht so zur F-nt» faltung bringen konnte, wie es in seiner Absicht lag, und wie es von den früheren Jahren her gewohnt war, wenn auch Begonnenes seiner Vollendung und Geplantes seiner Verwirklichung noch harrt, so darf er doch in Anbetracht der bestehenden Verhältnisse mit Einern gewissen Stolze auf das Geleistete zurückblicken. Bei einem durchschnittlichen Bestand von 60 Mitgliedern, da» runter 15 Kriegsbeschädigte, 7 Beschädigte von' 50—100 °'o, 8 unter 50 "(i, .sowie 5 Kriegseltern resp. Witwen, ließ der Eingang der Mitgliedsbeiträge infolge der fortschreitenden Verarmung der Ka» meraden zu wünschen übrig. Trotzdem hat er es ermöglicht, in Not geratene Kameraden und Kriegsopfer zu unterstützen und sie an Chanukkah mit einem Geldgeschenk zü erfreuen. In besonders ernsten Fällen griff die Ortsgruppe in Verbindung mit der Wohl* fahrtsstclle der Gemeinde und des Verbandes der isr. Kultusge» meinden der Pfalz helfend ein. Beiden Institutionen sei an dieser Stelle der Dank der Ortsgruppe für ihre opferfreudige Bereitwil» ligkeit ausgesprochen. Vier Kameraden wanderten in dem Berichtsjahre nach Uebersee aus, wohin sie die .guten Wünsche der Ortsgruppe begleiteten, einen Kameraden verlor die Ortsgruppe durch den Tod. Wie alljährlich, so veranstaltete auch im verflossenen Jahre die Ortsgruppe am Heldengedenktage in der Synagoge eine würdige Gedenkfeier. Den aus der Schule entlassenen Jungens und Mädels gab sie das Heldengedenkbuch (gefallener deutscher Juden mit auf den Weg. An der Beschaffung geeigneter Räume für die Jugend, den Sportverein und den Kulturbund hat die Ortsgruppe wesent» liehen Anteil. \ Einen breiten Raum in der Tätigkeit nahmen die Kamerad» schaftsabende ein, die sich eines sehr guten Besuches zu erfreuen hatten. In ihnen konnte ein Cyklus von Referaten des 1. Vorsit» zenden über Kriegsopferfragen, Schwerbeschädigten (Jesetz, Zusatz» rente, Frontzulage, Steuerermäßigung etc. zu Ende geführt werden. Auch im neuen Jahre blieb und bleibt sich die Ortsgruppe ihrer Aufgabe bewußt und bemüht, auch unter den veränderten Verhält» nbsen im Rahmen des Möglichen den Kameraden helfend zur Seite zu stehen. Ihre höchste Pflicht jedoch erblickt sie in der Betreuung ihrer Kriegsopfer. Ihnen Helfer und Berater zu sein, wird immer, wie es auch kommen mag, den ersten Platz in . ihrer Tätigkeit ein» nehmen. Nachdem nun die Versammlungstätigkeit behördlicherseits ihre Regelung gefunden hat, veranstaltet die Ortsgruppe regelmäßig an jedem zweiten Donnerstag im Monat, erstmalig am Donnerstag, den 12. Mai, ihre Kameradschaftsabende. Um Porto zu ersparen, erfolgt keine besondere Einladung. Die Leitung der Ortsgruppe beabsichtigt, an einem der ersten Kameradschaftsabende einen in Auswanderungsfragen bewanderten Kameraden sprechen zu lassen. Wir machen ferner die Kameraden auf die am Montag, den 9. Mai, in Landau im Gemeindezimmer stattfindende Bezirksversamm» lung aufmerksam, in der Kamerad Dr. Rosenthal von der Bundes» leitung sprechen wird. Wir empfehlen den Kameraden den Besuch dieser Versammlung. . Ernst Baer, 1. Vorsitzender. Jüdische Winterhilfe Pirmasens. Wohl ist das Werk der Jüdischen Winterhilfe 1937/38 auch in unserer Gemeinde und in den ihr zugewiesenen Filialgemeinden Wallhalbcn, Oberhausen, Herschberg, Höheinöd und Waldfischbach abgeschlossen; allein, dank der von der Jüd. Winterhilfe übernom» menen Versorgung der Hilfsbedürftigen mit Mazzoth und sonstigen setzt, d. h. die Absonderung des Menschen von allem Schlechten und die Nachahmung Gottes an Reinheit und Sittlichkeit im Leben. Wie dies die Thora durchzuführen versucht, sei in Kürze dar» gelegt. Man irrt sich sehr, wenn man in den Speisegesetzen (20,25) lediglich hygienische Vorschriften sieht; vielleicht mögen solche Absichten bei der Gesetzgebung mitgewirkt haben. Die Absicht der Speisegesetzc aber ist die Erziehung zur Beherrschung der Triebe. Denn nur dadurch, daß der Mensch lernt sich von ge» wissen Dingen zu enthalten, erzieht er sich zur Herrschaft über sich selbst, über sein Triebleben und empfängt durch die Selbstbeherr* fcchung das markanteste Kennzeichen seines Menschscins. In ähn« lichcr Absicht sind auch die Sabbathe und Festtage gegeben (23, ff.). Sie sollen zeigen, daß der Mensch nicht nur vom Brot und Brot* erwerb allein lebt, sondern daß er in der Tretmühle des Lehens, auch der Atempause für Körper und Seele bedarf um den nötigen Abstand von den Dingen und damit die nötige Ueberschau über die Dinge des Lebens zu .gewinnen. Die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens, von denen in diesen Kapiteln immer wieder gespro» chen wird, versuchen die Grundlagen eines harmonischen und friedlichen Zusammenlebens der Menschen untereinander herzu» stellen. Ganz neu für die damalige Zeit und richtunggebend für alle Zeiten ist die bei jeder Gelegenheit betonte Vorschrift, wonach einerlei Recht für den Einheimischen wie für den Fremden \