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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-03-01 · 7 (1.3.1938) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
7 (1.3.1938)
Date
1938-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEIN PFALZ Seite 3 woraus sich noch heute zum Teil die gehobene Stellung der Frau in angelsächsischen Einwanderungsländern erklärt. Und wenn auch inzwischen in vielen Ueberseeländern das Leben äußerlich so zivi» lisiert und sicher geworden ist, daß die Frau dorthin ebenso gut auswandern kann wie der Mann, so halten doch die gerade bei uns Juden traditionell starken Familienbande das junge Mädchen' und die alleinstehende Frau oft von der Auswanderung zurück. An» dererseits waren auch bisher die Erwerbsmöglichkeiten für die jüdische Frau in Deutschland verhältnismäßig günstig. Während Zehntausende von jüdischen Männern ihre Stellungen verloren, ohne in Deutschland Aussicht aut einen neuen Erwerb zu haben, konnten die Frauen im Büro, vor allem aber infolge der Nürnberger Gesetze im Haushalt verhältnismäßig leicht hier ihr Brot finden. Deshalb fehlte häufig der Hauptantrieb der Auswanderung für die Frau: die materielle Not. Unter diesen Umständen war es gewiß kein Wunder, daß viele jüdische Eltern, deren Söhne längst in Uebersee weilten, sich einen Trost erhalten wollten: '„Wenigstens unser Mädel bleibt hier!" Und die Töchter fühlten die Wichtigkeit ihrer Rolle als see» lische und materielle Stütze der alten Eltern und sahen sich nach Auswanderungsmöglichkeiten nicht um. Aber weil dieser an sich natürliche Vorgang so oder in ähnlicher Form tausendfach wieder» kehrte, entstand eine Massenerscheinung, die zu außeror* dentlich schweren Mißständen führt. Denn es liegt auf der Hand ,daß im gleichen Maße, in dem die Auswanderung der Männer in heiratsfähigem Alter die der Frauen Ubersteigt, die Heirats* chancen für die zurückgebliebenen Mädchen in Deutschland sinken müssen, während auf der andern Seite die eingewanderten jungen Männer in den überseeischen Ländern häufig nicht die Möglichlichkeit zur Gründung einer jüdischen Familie finden; weil es kaum irgend welche jüdischen Mädchen in ihrem Umkreise gibt. Befinden sich nun unsere jungen Auswanderer in Ländern, wie den Vereinigten Staaten, wo es eine zahlreiche ansäßige Juden» heit gibt, so haben sie dort zwar die Möglichkeit einer jüdischen Heirat, aber die sprachlichen und kulturellen Unterschiede zwi» sehen Eingewanderten und Ansässigen sind oft so bedeutend, daß entweder schon die Eheschließung selbst daran scheitert oder von vorn herein eine besondere Problematik in die Ehe hineinkommt. Weit gefährdeten, aber ist die Lage unserer ledigen Auswanderer in den Ländern ohne eine zahlenmäßig bedeutende Judenheit. Diese stehen häufig vor der Wahl, entweder ledig zu bleiben — mit allen Konsequenzen, welche dies in gesundheitlicher Hinsicht mit sich bringt — oder aber nichtjüdische Frauen zu heiraten, was meistens nicht nur den Verlust der Nachkommenschaft für die I'üdische Gemeinschaft zur Folge hat, sondern wegen der ungeheuren ulturellen, religiösen und sonstigen Gegensätze auch zu besonders schwierigen, ja von vorn herein unharmonischen Ehen führt. Dieses Problem wird in vielen überseeischen Ländern bereits als sehr brennend empfunden. Was muß nun zur Abstellung dieser Mißstände geschehen? Es handelt sich vor allem — eine erschöpfende Behandlung dieses wichtigen Themas ist hier nicht möglich — um folgende Gesichts» punkte. In erster Reihe müssen sich unsere jungen Auswanderer künftig darüber klar sein, daß sie im allgemeinen daran gut tun, sich vor ihrer Uebersiedlung in ein überseeisches Land an die künftige Lebensgefährtin zu binden, und zwar in der Regel durch Eheschließung. Gehen zwei junge Menschen gemeinsam in die Fremde, so finden sie aneinander, nicht nur seelisch «.Ich besten Halt, sondern in sehr vielen, ja vielleicht den meisten Fällen, wird es der weibliche Teil sein, der zuerst einen Broterwerb findet, sodaß auch der materielle Existenzkampf durch eine Eheschließung vor der Auswanderung eher erleichtert als erschwert wird. Darüber hinaus aber werden jene Gefahren vermieden, von denen oben aus» führlicher die Rede war, und die zum Verlust wertvollster jüdi» scher Substanz, für die Gemeinschaft führen müßten. In dieser Hinsicht wird es besonders auf die jüdische 1 laltung der Mädchen ankommen, da erfahrungsgemäß die Atmosphäre des Hauses, die Erziehung der Kinder vor allem von der Frau abhängt. Ebenso notwendig ist eine grundsätzliche Acndcrung in der Haltung der jüdischen Eltern, die bisher nur allzu oft ihre auswanderungs» fähigen Töchter hier behalten haben. Selbstverständlich „eines schickt sich nicht für alle", es mag sehr wohl Fälle geben, in denen es gerechtfertigt ist, daß die erwachsene Tochter den Eltern zur Seite bleibt. Aber wer die Wünsche unserer jüdischen Eltern kennt, wird mit Bestimmtheit erwarten dürfen, daß sie diese nicht aus rein egoistischen Gründen von der Auswanderung zurückhalten werden, wenn sie sich einmal darüber klar sind, daß sowohl die beruflichen Aussichten wie die Hciratschanccn in den überseei» sehen Ländern sehr viel besser sind als in Deutschland. Allerdings muß betont werden, daß nicht jedes Mädchen ohne weiteres zur Auswanderung geeignet ist. Vielmehr muß sie, abge» sehen von einer gewissenhaften Ausbildung auch bestimmte mensch» liehe Qualitäten besitzen. In beruflicher Hinsicht ist eine gründ» liehe Beherrschung der Hauswirtschaft zu fordern und die Bereit" schaft, wenigstens vorübergehend eine Stellung im Haushalt anzu« nehmen, selbst wenn ein anderer Beruf als Ziel vorschwebt. Die großen jüdischen Auswanderungsorganisationen des In und Auslandes, d. h. in erster Linie der Hilfsverein, werden künftig der Frauenauswanderung besondere Aufmerksamkeit widmen. Das heißt einmal, daß der Auswandererberater mit dem jungen Aus» wandercr offen die Frage erörtern soll, ob er sich nicht vor der Uebersiedlung binden solle — wobei die zweckmäßige Form (Ehe» Schließung oder nur Verlobung) je nach dem Einwanderungsland und je nach seinem (und ihrem) Beruf zu wählen sein wird. Darüber hinaus wird aber der Hilfsvcrcin in engster Zusammen» arbeit mit dem Jüdischen Frauenbund hier um eine geeignete Aus« wähl auswanderungswilligcr Mädchen bemüht sein, und zusammen mit den überseeischen Komitees und Frauenorganisationen wird dafür gesorgt werden, daß die Betreuung alleinstehender Mädchen und Frauen soweit gewährleistet ist, daß der Auswandererberater jüdischen Eltern gegenüber die Verantwortung dafür übernehmen kann, ihre Tochter allein den Weg in die Ferne antreten zu lassen Tüchtige Kräfte, die bereit sind, sich einzuordnen, die ferner die Sprache des Eipwanderungslandes beherrschen und gesundheitlich wie menschlich allen Anforderungen entsprechen, die ein Leben in der Fremde stellt, werden nicht nur sich selbst ihren Weg bahnen, sondern auch dazu beitragen, daß neue Zellen jüdischen Lebens sich bilden, durch die vielleicht noch ihren Eltern, sicher aber ihren Kindern die Fremde zur Heimat werden kann. ... Trauer-Ansprache des Synagogenvorstand des Syna-jogenrats Max Reiß. (Nach der Werte Trauerversammlung! — Liebe Leidtragende! Schwere Verluste hat in diesen jüdischen Schicksalstagen unsere Religionsgcmeinde Bad Dürkheim zu beklagen. Fast an jedem Sabbathgottesdienste habe ich den Auswanderern, den Scheidenden ein Wort des Abschieds, ein Wort des Dankes und unsere besten Wünsche für eine bessere Zukunft im fremden Lande, im fremden Erdteil mitzugeben. Wir Alten aber, unsere Bestimmung und Ziel ist, dieses freudlose Dasein zu beschließen und in der Heimat zu sterben. So hat nun unser Gemeindemitglied, mein Alters» und Weggenosse Max Reiß den Weg alles Irdischen vollendet. Seit dem Tode seines Bruders Adolf Reiß im M.ü des Vorjahres war die Gesundheit von Max Reiß erschüttert und diese Erschütterung konnte auch durch die sorgsamste Pflege der Seinigen und durch die Kunst des Arztes nicht gebannt werden. So darf man wohl sagen: Der Bruder hat den Bruder mitgenommen. Meine Freunde! Wenn wir Juden heute an der Bahre eines Greises oder einer Greisin stehen, da regen sich in unserer Brust zwei Gefühle. Das eine Gefühl äußert sich in der Frage: Wären wir Alten nicht besser aufgehoben, nicht sicher geborgen, wenn wir alle unter dem Rasen schlafen würden, statt in diesem Kummer und dieser Trüb» sal weiter leben zu müssen? Das zweite Gefühl aber bejaht das Leben, es fordert von uns trotz aller Schicksalsschläge den Willen zum Leben, es fordert von uns bis in unsere spätesten Tage hinein Dankbarkeit für jeden neuen Morgen, gleichviel; ob der neue Tag trübe oder sonnig sei. Darum beten wir ja auch an jedem Morgen, am Werk» tag wie am Sabbath wie am resttag: „So lange noch die Seele in meinem Körper wohnet, danke ich dir, meinem Schöpfer." Und ich meine, wollen wir gottgläubige Juden sein, so wird wohl, so muß dieses zweite Gefühl die Ober» » Ludwig Strauß-Bad Dürkheim an der Bahre lucrredc des Bezirksral?biners Dr. Stcckelmachcr» Ludwigshnfcn.) hand behalten. Und deshalb vereinigen wir uns mit' Ihnen, werte Leidtragende, in Ihrer Trauer. Trauernd steht unsere klein und arm gewordene Gemeinde an dieser Bahre. Denn der Entschlafene, der am 6. März 1884, also vor 54 Jahren, als Mitglied unserer Gc» meinde aufgenommen wurde, er bekleidete bis zu seinein Tode das Ehrenamt eines S^ynagogenrates und erwies sich als ein arbeitseifriger, ja arbeitsfreudiger Mitarbeiter in der Gemeinde» Verwaltung. Und daneben führte unser entschlafener Freund seit dem Jahre 1916 bis zur Stunde den Vorsitz im Jünglingsvereirr und zeigte in jeder Jahresversammlung dks:r Chcwra, daß wir de en Leitung guten besorgten Händen anvertraut hatten. Verehrte Leidtragende! Ich stand so oft am Krankenbette, am Schmerzcnslagcr Ihres Vaters, Schwiegervaters und Onkels und ich habe ihm, so oft ich von ihm wegging, ein Wort der Geduld, der Hoffnung und des Gottvertraucns zugesprochen, eine rcfuoh schclcmoh, eine voll» kommenc Genesung gewünscht. Ja ich darf wohl sagen, es verging fast kein Tag, an dem ich mich nicht, meiner religiösen Pflicht gehorchend, nach dem Befinden .'des Kranken erkundigt hätte. Heute aber, wo wir die irdische Hülle unseres entschlafenen Schick» salsgenosscn der Erde übergeben müssen, da darf ich Ihnen zum Tröste sagen: Klaget nicht und weinet nicht! Nein, stilles Ent» 'sagen sei Eure Trauerl Entsagen und versagen war ja noch immer jüdisches Los, jüdisches Schicksal gewesen. Gott hat seine Vater» hand, die auf uns allen ruht, geöffnet, hat unsern Verblichenen , von den schweren körperlichen Schmerzen, die ihn noch bis in seine Todesstunde hinein so entsetzlich quälten, befreit und seine Seele in jene Höhen hinaufgetragen, wo alle Sorge und Not, alle Kämpfe, Kummer und Leiden für immer ihr Ende gefunden haben: Ja, da wollen wir, gemeinsam betend, sprechen: Der Name Gottes sei gepriesen heute und in aller Ewigkeit. Amen.

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