Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 7 (1.3.1938)
- Date
- 1938-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 7 Krojankc 61 Gemcindemitglicdcr, davon 38 Hilfsbedürftige; Neuruppin 35 Gemcindcmitgliedcr, davon 30 Hilfsbedürftige; Bezirk Trier 504 Gemeindcmitgliedcr, davon 203 Hilfsbedürftige. Die Zcntralwohlfahrtsstclle der Juden in Deutschland, die neben der Leitung der gesamten Jüdischen Winterhilfe insbeson« den der Versorgung der Juden in den Notstandsgemeinden ihre Aufmerksamkeit zuwendet, ist nicht imstande, die Hilfsbedürftigen in diesen Gemeinden ausreichend zu versorgen, wenn sie nicht zusätzliche Mittel erhält. Die Zahlung der hilfsbereiten Juden-in Deutschland am 27. Februar d. Js. dient der Aufbringung der erforderlichen zusätz» liehen Mittel. Diese Zählung knüpft an das Gebot der Zählung des Volkes (IL 30, 8—13), das in dem Wochcnabschnitt enthalten ist, der am Sonnabend, 26. Februar verlesen wird. Jeder, der gezählt wird, soll ein Sühne«. gclu geben, ohne Unterschied, ob arm, ob reich. Alle die jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die selbst oder für andere einen Spendenschein erwerben, werden als „hilfsbereite" Juden gezählt. Der Gegenwert des Spendenscheins dient zur Betreuung der Hilfsbedürftigen in den Notstandsge» meinden. \ „Werkdienst am Zelt der Gegenwart" nennt die Schrift die Hingabe eines Opfers bei der Zählung. Werk« dienst am Zelt, das die Jüdische Winterhilfe schützend über die Hilfsbedürftigen unserer Gemeinschaft spannt, ist die Einordnung in die Zahl der Helfenden. / Die Zählung der hilfsbereiten Juden in Deutschland reiht die Jüdische Winterhilfe ein in die große Tradition des Helfens. Sie gibt jedem Juden in Deutschland die Möglichkeit, Solidarität zu üben mit denjenigen, die vereinsamt in den mittleren und klei< neren Gemeinden leben. Wir wissen, daß diese Hilfe längstens nicht mehr nur materielle Not lindert, sondern daß sie die Einsamkeit aufhebt und dem Ein« zelncn das Gefühl dy Geborgenheit in seiner Gemeinschaft gibt. Wem hilft der Hilfsverein? Aufgaben und Ziele des Hilfsverei Seit einiger Zeit ist der Hilfsverein der Juden in Deutschland .in-, einer Jahrzehntelang bewußt geübten Zurückhaltung, die keines» weg* Untätigkeit bedeutete, ins Licht der jüdischen Oeffcntlichkeit getreten. Diese Tatsache ist nur der Ausdruck und die natürliche Folgeerscheinung des jüdischen Auswanderungsdranges, der sich von Tag zu Tag verstärkt. So ist es nur allzu erklärlich, daß die jüdische Presse immer mehr dazu übergeht, dem Auswanderungs* thcina ihre Spalten weit und weiter zu öffnen und diesen Teil ihres Stoffes neben eigenen redaktionellen Arbeiten mit Nachrichten über den Hilfsvcrcin und mit Informationen aus seiner Quelle auszustatten. Denn nachdem Palästina für die jüdische Einwan» derung zunächst praktisch ausscheidet, wendet sich naturgemäß das Interesse d e n Teilen der Erde zu, die der jüdischen Wanderung keine unübersteigbaren Schranken entgegensetzen. Wer aber den Ciedanken der Auswanderung erwägt, der bringt heute Zwangs* läufig mit seinen Planen den Hilfsvcrcin in Verbindung, der in Deutschland die einzige anerkannte jüdische Organisation für die Beratung jüdischer Auswanderer sowie für die Planung und Durch« führung der Auswanderung selbst ist, soweit sie nicht Palästina betrifft Von den 75 000 jüdischen Auswanderern, die seit 1933 nach Europa und Uebersec gegangen sind, hat der weitaus größte Teil moralische oder finanzielle Betreuung durch den Hilfsverein emp« fangen. Täglich erscheinen Hunderte bei den 16 Beratungsstellen des Hilfsvereins im ganzen Reiche, um sich in allen Rechts« und Wirtschaftsfragen der Auswanderung von geschulten Beratern unter richten zu lassen, die in den Paß», Transfer«, Niederlassung*» und Berufsmöglichkeiten überall in der Welt wohlerfahren sind. Kein Außenstehender vermag eine Vorstellung davon zu gewinnen, welche Vorarbeiten geleistet werden, wie reibungslos und vollständig der Nachrichtenapparat des Hilfsvereins gestaltet sein muß, um alle die schicksalsschweren Fragen zu beantworten, die den Beratern alltäglich schriftlich und mundlich gestellt werden; da müssen Sprachkündige das aus den ausländischen Hilfskomitccqucllen flie» ßende Matel ial schnellstens und wortgetreu übersetzen und es den Beratungsstellen zuleiten, damit zu jeder Stunde die aktuellste) Information gesichelt ist. Juristen und Reisefachlcute, Volkswirte und Bankiers, Organisatoren und Seelenkenner müssen zusammen» wirken, um individuell imd doch ohne Verzögerung jedem Rat und Hilfe angedeihen zu lassen, der darum nachsucht. Mit dieser, übrigens kostenlosen, Beratung und Durchführung der Vorbereitung zur Auswanderung erschöpft sich aber die Tätig» keit des Hilfsvereins keineswegs. Die Aufspürung und Erschließung neuer Auswanderungsmöglichkeiten, ihre Verwirklichung und Pro» pagandierung ist das Ergebnis einer den Krdball umfassenden Orga» nisationsarbeit, von deren erfolgreichem Abschluß die Oeffenr* lichkeit dann oft nur durch eine kürzere oder längere Notiz unter der Rubrik ,,Der Hilfsverein teilt mit" erfährt, ohne die Unsumme ns der Juden in Deutschland e. V. zermürben '■ Kleinarbeit und — die Kosten zu ermessen, die ein solches Resultat erst ermöglicht haben. Jeder Auswanderungs« „Fall", dessen sind sich alle Mitarbeiter des „Hilfsvereins" Zweifel« los bewußt, stellt ein Menschenschicksal dar, dessen Lenkung in die Hände des Beraters gelegt ist: Wie oft sieht solch ein „Fall" ganz hoffnungslos aus, denn der Auswanderungs»„lustige" hat nichts, kann nichts, was ihm „drüben" eine Ghance bieten könnte, er hat auch die Notwendigkeit, wenigstens eine fremde Sprache zu erlernen, bisher noch nicht begriffen, er hat aüch keinerlei Anhang, Verwandte oder Freunde jenseits des Ozeans — so sitzt er nun erwartungs» und vertrauensvoll in einem jener kleinen, stillen Zimmer dem Berater gegenüber, der von seinem Besucher ein Bild zu gewinnen bestrebt ist, indem er ihn zum Sprechen über sich selbst und seine Pläne zu bringen versucht. Wie oft geschah es schon, daß schließlich ein Name fiel, der seit Jahrzehnten in der Familie spuckte, der Name eines vor einem Menschenalter aus* gewanderten Angehörigen, der nun vielleicht zum Rettungsring wird, der den Auswanderungskandidaten über das große Wasser trägt! Denn der Hilfsverein hilft auch hier. Er setzt den Ermitt» lungsapparat der ausländischen Hilfskomitees in Bewegung, und manchmal schön ist es ihm gelungen, der Familie seit langem ent« fremdete Verwandte aufzufinden und sie zu tätiger Hilfe für den Auswanderer zu gewinnen. Aber auch, wenn ein solcher Glücksfall nicht eintrifft, gibt es Wege, die zum Ziel führen können: Berufsumschichtung, Spra» chenkurse, Familien» und Gruppensiedlung, Kinderauswanderung, Beschaffung von Mitteln für die Durchführung der Auswanderung des mittellosen Antragstellers usw., sie alle werden sorgfältig geprüft, in Betracht gezogen und nicht eher verworfen, als dies verant« wortet werden kann. Begreift man, daß solche Arbeit nicht ohne „Apparat" geleistet werden kann, daß nur besonders qualifizierte Persönlichkeiten als Berater verwendet werden können? Daß die gesamte Organisation des Hilfsvereins sich aber auf das Unvermeidliche beschränkt und von'einem der schicksalhaften Größe der Aufgabe zahlenmäßig keineswegs angepaßten Mitarbeiterstab geleistet wird, kann wahr* heitsgemäß versichert werden. Daß andererseits die Unterstützung des eines jeden Juden \n Deutschland kostenlos zur Verfügung stehenden Organisationsnetzes die Beschaffung und Verbreitung der Informationen, die Ermittlung neuer Auswanderungsmöglich» keiten, die Betreuung und Beratung der zur Auswanderung zu Bringenden große Summen erfordert, die von den Juden in Deutsch» land selbst aufgebracht werden müssen, da d.e ausländischen Hilfs» komitees hierfür keine Mittel zur Verfügung stellen, wird jedem Einsichtigen klar sein. Er wird daraus den Schluß ziehen, daß er nach besten Kräften das Scinige beisteuern muß, um eine Orga» nisation schlagfertig zu erhalten, die er vielleicht gar bald selbst um ihren sachverständigen Rät zu bitten genötigt sein kann. Mehr Frauenauswanderung! Der Hilfsverein der Juden in Deutschland stellt uns folgende Ausführungen zur Verfugung: Ucbcr wenige Fragen ist sich die gesamte Judenheit Deutsch» lands so einig, wie über die unbedingte Notwendigkeit der Vcrstär* kung der Auswanderung' Von dieser Uebereinstimmung zeugen nicht nur alle Beschlüsse unserer maßgebenden Organisationen und immer wiederholte Acußcrungen unserer Presse, sondern vor allem der kaum noch zu bewältigende Andrang der Auswanderungs« Willigen ru den Beratungsstellen des 1 lilfsvereins und die rastlose, angespannte Arbeit dieser großen Organisation. Aber während viele lausende zur Auswanderung drängen, denen eine Einwandcrungs» möglichkeit nicht eröffnet werden kann — weil sie zu alt sind, weil sie keinen im Ausland brauchbaren Beruf verstehen oder aus anderen Gründen — gibt es auf der andern Seite noch eine wichtige Kategorie auswanderungsfähiger Menschen, deren Auswanderungs» Willigkeit gesteigert werden könnte: unse reMädchen und Frau e\n. Diel bisherige jüdische Auswanderung in Deutschland weist einen starken Ucberschuß an Männern auf, dessen genauer Umfang suh zwar nicht ermitteln läßt, der aber sicher viele Tausende beträgt. Diese Erscheinung ist an' sich nicht unnatürlich. Im Gegen» teil, fast bei jeder Auswanderungsbewegung ist ein Männerüber* schuß zu verzeichnen. Liegt es doch in der Natur der Frau, daß sie stärker am Hause, an den Eltern und der Heimat hängt als der Mann mit seiner Unternehmungslust und seiner Sehnsucht nach der Ferne. Früher, während der Erschließung großer überseeischer Gebiete bestand deshalb die Auswanderung — zumal bei den man» gelhaften Transportverhältnissen — ganz überwiegend aus Männern,