Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-01-01 · 5 (1.1.1938) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
5 (1.1.1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4903956-4931894-4931924--055-4904005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

h/riS JÜDISCHES GEMEIN D E BI. ATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 3 Eine junge Palästinenserin kommt einmal wöchentlich, um Iwritthi'• terricht zu erteilen. Auch in diesem Winter sind die wöchentlichen Vorträge, die auch Judentumskunde vermitteln, wieder aufgenommen worden. Den Anfang machte in diesem •Winter Prof. Norman Bentwich mit einem Vortrage über Palästina. Prof. Norman Bentwich steht auch an der Spitze des Schulrates, der in jedem Semester zusammentritt und die Leiterin berät. Es wäre erwünscht, daß Kinder in jugendlichem Alter, also vor ihrer schwierigsten Entwicklungszeit, in das Landschulheim ein» treten, weil Kinder in jugendlichem Alter, sowohl Knaben wie Mädchen, sich leichter und unbefangener auf eine neue Umgebung einstellen, leichter und selbstverständlicher eine neue Sprache cp> lernen. Jmmer wieder werde ich um Auskunft über das Landschülhcim New Herrlingen ersucht. Mit diesen Darlegungen möchte ich die Anfragen aller derjenigen beantworten, die sich an mich wenden wollen. Selbstverständlich bin ich gerne bereit, auch noch persön* lioh jeder einzelnen Familie über New Herrlingen Auskunft zu geben. Rabbiner Dr. Ernst Steckclmacher. Ludwigshafen a. Rh. Auflösung der jüdischen Gemeinden / Verkauf ihrer Synagogen Das Los unserer Friedhöfe. Eine Kinah (Klage) von Ludwig Strauß«Bad Dürkheim. Im Jahre 1933 erhob ich in einer4 Mitgliederversammlung unseres Verbandes den Hilfeiuf: „Rettet die absterbenden Land» gemeinden!" Die Rettung erwies sich als unmöglich. Das Ver» nängnis war und ist nicht mehr abzuwenden. Die Landgemeinden und auch die Gemeinden der Kleinstädte gehen von Tag zu Tag •mehr und mehr ihrer Auflösung, ihrem Ende entgegen. Als wir vor einem Jahrzehnt .die Synagoge in Wattenheim der dortigen katholischen Kirche zur Errichtung einer Kleinkinderschule über» gaben — weil eben die letzte israelitische Familie Wattenheim verlassen hatte — da erhoben mehrere größere jüdische Zeitungen heftige Vorwürfe und Anklagen gegen unseren Verband, „der eine Svnagogc einem profanen Zwecke geopfert habe." Heute — dem Himmel sei es geklagt — berichten unsere jüdischen Zeitungen fast in jeder Nummer von der Auflösung jüdischer Gemeinden, von dem Verkaufe dieser und jener Synagoge Wir nehmen es resigniert hin, ohne uns zu entsetzen. Uinser Pfalzverband hat bis heute 12 jüdische Gemeinden auflösen und ihre Synagogen veräußern müssen. Das ist immer nach Anhörung der wenigen Familien der betr. Gemeinde — ihre Anzahl ging durchweg über 2 oder 3 nicht hinaus — und mit d -en Einverständnis .geschehen.. 'Wir haben jede Synagoge vor dem Verkaufe eingehend besichtigt, alle Thorarollcn und die sonstigen Ritualien in sichere Hut gebracht. Manche dieser Synagogen ließen schon beim Eintritt erkennen, daß seit Jahren kein Gottesdienst ■mehr in.ihnen stattgefunden, in andern wieder herrschte noch eine wohltuende Ordnung und Reinlichkeit, und der Aron hakodesch trug noch vom letzten Gottesdienst her ein weißes Gewand. Unsere Trennung von diesen Synagogen — es waren Trauer» tage für das pfälzische Judentum. Aber die Gebäude verfallen, ihr Inneres vermodern lassen — dem durfte und konnte unser Verband nicht gleichgültig zusehen,. Manche Thorarollc hat sich die eine oder andere der beteiligten Familien als Erinnerung von uns erbeten. Wir haben der Bitte gerne -entsprochen. Manche Thorarolle, einer'aufgelösten Gemeinde entstammend, ist bereits über die Meere gewandert. Sie soll den Ausgewanderten im fremden Erdteil ein Kleinod sein, ein Segen werden. Und auch den Friedhöfen der aufgelösten Gemeinden wird kein besseres Los bcschicdcn sein. Allerdings, mancher dieser Friedhöfe, in der Einsamkeit gelegen, lern von Dorf und Menp» sehen, von Straße und Verkehr, so z. B. das an den Waldrand sich anlehnende Bcs olom. meiner Heimatgemeinde — „kein Klang •der aufgeregten Zeit drang noch in diese Einsamkeit" — wirdwohl die Zeiten überdauern, falls nicht Naturgewalten oder gar „rohe Willkür an das Heilige rühren." Aber die andern Fried» höfe, inmitten der Dörfer oder doch an der Grenze derselben gelegen, bei &>nen besteht die Besorgnis, daß sie in absehbarer Zeit, wenn sie nicht benutzt werden und sich niemand mehr ifiircr Pflege und ihres Schutzes annimmt, eingeebnet, zu Straßen* anlagcn, Baustätten, Spiel» und Sportplätzen umgeschaffen werden. Vielleicht wird dann auch der Pflug und der Spaten über tranchen dieser verwaisten Friedhöfe hinweggehen, und das Totcnfeld ver* Wandelt sich in Ackerland. Tröstlich ist für mich die Gewißheit, daß, solange unser Ge»1 •meindeverband besteht, die Erhaltung und Pflege unserer Friedhöfe in guten Händen liegt . Jüdische Auswanderung npch Uebersee. Kundgebung dfs Hilfsvereins in Heidelbern und Mannheim. In überfüllten Sälen fanden diese Kundgebungen des Hilfst vereine in Heidelberg und Mannheim statt, bei denen der Von» sitzende des Vorstands des Ililfsvereins Dr. Mark Wisch;nitzcr das Hauptreferat erstattete. Er zeigte, wie das seit Jahrzehnten der Betreuung von ostjüdischen Durchwanderern gewidmete ,orga» nisatorischc Instrument des Hilfsvereins in den Dienst der neu erwachsenen Aufgabe, nämlich der jüdischen Auswanderung aus Deutschland gestellt wurde, wie der Hilfsvercin durch Einrichh tung von 15 Beratungsstellen und 2 Hilfsstellen im Reich seine Fürstorge an die Judenl in allen Teilen des Reiches herantrug und wie schließlich die Jahre seit 1935 ein Anwachsen des Aus» wanderungsdrangs und damit der wichtigen Arbeit des Ililfsvcreins brachten. \Zum Auswandcrungsproblcm selbst wies Dr. Wisch* nitzer darauf hin, daß die Auswanderung in europäische Länder leider als gescheitert angesehen werden muß, daß also nur dio Ueberscewanderung mitder hier nicht zur Debatte stehenden Palästinawanderung — als konstruktiv betrachtet werden kann. Dr. Wischnitzer führte dio-ch die Vielzahl der Länder der Welt, die als Einwanderungsgebiete in Frage kommen können, durch die dünnbesiedelten Gebiete Südamerikas, Australiens usw., indenen jetzt Anfänge einer Ansiedlung von Juden gemacht wcr>' den sollen neben den bevölkerten Zentren und großen Städter» der iEinwanderungsländer. Er sprach von den Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Unterbringung der verschiedenen Berufs» kategotien. besonders der Schwierigkeit, Kauflcute und Akade» Imker zur Auswanderung zu bringen. In der praktischen Arbeit selbst, hat vier Hilfsverein mit seiner finanziellen Unterstützung 1936 insgesamt 5543 Menschen zlur Auswanderung gebracht, 1937 in den ersten neun Monaten 3447, von 1933 an zusammen etwa 12000 unterstützte Auswan» derer, für welche die jährlichen Ausgaben von 326000 RM. im Jahre 1933 auf 1 550 000 RM. im Jahre 1936 gestiegen! Auch 1937 werden die Ausgaben gegen 1 l/a Million betragen. Unter diesen-Auswanderern befinden sich auch eine ganze Anzahl Kinder yon 6 bis 14 Jahren, deren 370 bisher nach den Vereinigten Staaten zu dortigen jüdischen Familien gebracht werden konn» ten, vielleicht die Wegbereiter, die ihre Eltern in einigen Jahren Svcrden nachkommen lassen können. Die Kinderunterbringung witd jetzt auch in anderen Ländern versucht werden. "'Betrachtungen über die Aufgaben der Frau, oft der ersten •Alleinvcrdicncrin in der Fremde, bei der Auswanderung, über die Notwendigkeit der Spracherlernung, über neue Möglichkeiten des Transfers rundeten dieses umfassende Referat zu einem auf die Leistungen des Ililfsvcreins gegründeten Appell, dem Hilfsvercin und durch ihn sich selbst zu helfen. Assessor Paul Steeg, der Auswandcrcrhcratcr des I lilfsv ereins für Baden und die Pfalz, gab anschließend ein Bild von der Klein«» larbeit in »den Beratungsstellen Mannheim und Karlsruhe, wo oft 30 Menschen an einem Tag Rat suchen, wo Tage, an denen gegen 70 Briefe in ßcratungsangclcgcnhcitcn hinausgehen, keine Seltenheit sind. 170 Personen aus Baden wurden im letzten halben Jahr mit Unterstützung des Hilfsvereins zur Auswanderung ge» bracht, für 92 laufen zur Zeit die Gesuche hierfür. 50 und 15 sind die entsprechenden Zahlen für das Gebiet der Pfalz. Bei einem Durchschnittsaufwand von 300 RM. je Person nur für Fährtkosten kann man sich selbst leicht die Leistungen für die Auswanderer berechnen, die allein in Baden und der Pfalz erfolgten, und bei denen die größten Gemeinden scirist beteiligt sind. Individuelle und auch seelische Betreuung erfahrt jeder, der die Beratungs» stelle in Anspruch nimmt, und bei Idcr nicht nur die, welche auf finanzielle Hilfe angewiesen sind, für die Auswanderung Wert* volles erfahren. v In Mannheim unterstützte Rabbiner Dr. Grüncwald den Appell der Referenten an die Hilfsbereitschaft der Gemeinde» mitglicdcr. |Oic Anstrengungen zur Auswanderung müßten sich noch vergrößern wobei wir allerdings auch darauf hinweisen 'müssen, daß die Auswanderung nicht so rasch und nicht SO plötz* ■ lieh erfolgen kann, wie einzelne es sich vielleicht wünschen, denn alle Plane haben in den vorhandenen Gegebenheiten ihre Grenze». Der Hilfsverein muß mutig, optimistisch und elastisch an sein Ziel gehen. Er muß wie alle unsere Instrumente, intakt gehalten werden. Denn lohne diese Instrumente, ohne ihre Me.-.sehen, die der quirlenden Unruhe dieser Zeit ihre Ruhe entgegenstellen! gibt es keine Losung der Probleme der Juden In Deutschland. Die Vertrauensleute des Ilillsvcreins, Direktor Baum in Mann* heim und I l.uiptlchrer 1) u r I a c h c r in Heidelberg, schlössen mit dem Dank an die Redner die eindrucksvoll verlaufenen Versamm» lungen. — nn. /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.