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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-01-01 · 5 (1.1.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
5 (1.1.1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 5 4 ... Kreuzzugszeit und in spateren Zeiten erfahren mußte, unser heu» tiges Geschlecht auf, zu beweisen, daß Israel noch lebt und leben will, und sich in geistiger und sittlicher Hinsicht jener Ge> schlechter würdig zu erweisen, sodaß wir nicht Gefahr laufen, ein Geschlecht des Abstiegs genannt zu werden. Unser junges Geschlecht zeigt diesen unbeugsamen Lebenswillen, da es sich nicht scheut, jede sich ihm in der Welt bietende Tätigkeit zu ergreifen! um das Leben zu meistern, wie es jene Geschlechter im Mittelalter vollbrachten. All« Jrei Ansprachen losten bei sämtlichen Teilnehmern tiefe Ergriffenheit aus und führten durch ihre Gedanken zu dem Höhe* punkt der Feiet hin, da die festlich geschmückten Thorahrollcn, Voran das hundertjährige Seferl in feierlichem Zuge durch die Synagoge getragen werden sollten. Chor und Kantor gestalteten diesen weihevollen Augenblick zu einem eindrucksvollen Erlebnis. Unter feierlichem Gesang traditioneller Speyerer Melodien wurden die Thorahrollen ausgehoben und nach dem Schema jisracl" in dreimaligem Umzug durch die Synagoge getragen, währenddessen Kantor und Gemeinde das uralte Bittgebet „ana adonaj hoschia na" (O Ewiger, hilf doch!) sangen.. Nachdem die Thorahrollcn auf das Vorlcsepult niedergelegt worden waren, betrat der Hezirksrabbincr, Herr Dr. Steckclmachcr« Ludwigshafen, die Kanzel. Gerade die Gemeinde Speyer habe ein Recht, so führte er aus, auf die großen Persönlichkeiten ihrer Geschichte stolz zu sein. Denn die „Weisen von Speyer" haben der Gemeinde erst zu ihrem Ruhm in der Geschichte verholten. Ihr Andenken blieb aber auch noch in den späteren Geschlech* tern wirksam bis in die Zeit, da vor hundert Jahren im der Vcr<j hundenheit mit der Geschichte der Gemeinde Speyer die dama< ligen Mitglieder derselben dieses Gotteshaus erstehen ließen. Uns aber drangt sich der Dank auf die Lippen dafür, daß Gott uns diese festliche Zeit .erreichen und erleben ließ, und diese Gedenk* stunde löst die Bitte in der Rede des Königs Salomo bei der Einwet» hung des Tempels aus. daß Gott, wie er.mit unseren Vätern war, so auch mit uns sei. daß er uns nicht verwerfen und nicht verlassen möge! Diese Worte des Gebetes haben sich an der Gemeinde Spcyei in den vergangenen Jahrhunderten bis auf diese Zeit bc» wahrt, und sie mögen sich erfüllen an uns allen, vor allem an unserer Jugend und an all denen, die uns verlassen haben oder uns verlassen werden, an der Gemeinde und an den jüdischen Verbänden, besonders an dem Verband der israel. Kultusgemcindcn der Pfalz, der in diesem Jahre auf sein zwanzigjähriges Bestehen zuruckschauen kann, geleitet von seinem Präsidenten Herrn Korn* mcriienrat Albert Joseph'Landau. Mit eihem Gebet um den Segen Gottes für die jüdische Gemeinde Speyer und ihre Führer, für alle jüdischen Gemeinden auf dem Erdenrunde und für das hundertjährige Gotteshaus, auf. daß es immer seiner Bestimmung dienen möge, beschloß der Bezirksrabbiner seine Weiherede, Inden) er noch den dreifachen Priestersegen über die andachtig Versam* meltcn aussprach. Unter der Leitung von Herrn Oberlehrer Waldbott erklang der jubelnde "und zugleich dankende Psalm 150 als Lob» und Danklied dem himmlischen Vater für die Gnade, die er unseren 'Vätern und uns erwiesen hat. Die Idarauf folgende Ansprache des Speyerer Lehrers, Herr» Siegmund Marx, ging von dem Gedanken aus, daß im Talmud die Kult» und Gebetsstätte eine dreifache Bezeichnung hat: Berg, Feld und Haus. An diesen drei Bezeichnungen zeigte er die drei Bedeutungen des Gotteshauses auf, die es für unsere Vorfahren in Speyer hatte. Der Mensch soll im Gotteshause wie von einem Berge aus den richtigen Blick für die Dinge des Lebens gewinnen. Weisheit und Erfahrung schöpfen, sich durch das Gebet zum Schöpfer erheben. Gleich einem Feld sollte das Gotteshaus der Mittelpunkt für das weite Feld gemeindlicher, sozialer und ge* sellschaftlicher Betätigung sein, einer Betätigung, die sich in Speyer sogar bis auf eine hohe künstlerische Ausgestaltung des Gottes*» dienstes erstreckte. Als einziges Haus der Gemeinde, vermittelt es heute wieder das Gefühl der Schicksalsgemeinschaft und die Belehrung durch das Wort Gottes. Zu allen Zeiten war dieso dreifache Bedeutung des Gotteshauses wirksam, gekrönt durch die Thorah, die sich in ihm befindet, ganz besonders aber in de?t Zeiten der Makkabäcr. in welchen man sich in die Berge flüchtete, auf dem Felde stritt und für die Reinheit des Gotteshauses in Jerusalem kämpfte. Solcher Geist der Makkabäer ist köstliches Erbe für unser Geschlecht. Der Prediger verkündigte im Anschluß an diese Ausführungen, daß sich in USA ein Zusammenschluß aller aus Spcyei stammenden Juden zu dem Zwecke bilden werde, ■ um den aus Speyer neu Ausgewanderten, denen, die auswandern wollen,, und um ferner der Heimatgemeinde selbst in Zeiten der Not brüderliche Hilfe zu leisten, als ein Zeichen dafür, wie Speyerer Juden dieser dreifachen Aufgabe des Gotteshauses in unserer Zeit in der Ferne treu geblieben und gerecht geworden sind. Nach dieser Ansprache wurden die Thorahrollen unter feier» lichem Gesainge wieder in die heilige Lade zurückgebracht. Es folgte das Nachmit'tagsgebet und darauf das Entzünden der Cha< nukkahlichter. Nach dem Abendgebet fand die Uraufführung einer Sammlung und Zusammenstellung von Melodien der Synagoge in Speyer statt, die Karl Haas, der früher in Speyer wohnte und jetzt in Amerika lebt, für Streichorchester und Orgel gesetzt hat, und die von den Mitgliedern des Mannheimer Kulturbundorchesters trotz mancher technischer Schwierigkeiten in vollendeter Weise zu Gehör gebracht wurde. An der Orgel saß Alfred Cahn, die Leitung hatte Werner Seligmann. Es darf als sinnvolle Zusammen»« fassung des Erlebten bei dieser denkwürdigen Feier 'bezeichne* werden, ,daß 'die den Speyerer Gemcindemitglicclcrn so teueren Melodien-, ihrer Synagoge als Abschluß der Jubiläugnsfeier er* klangen. Denn das, was den Gottesdienst der Heimat so vertraut macht, sind nicht nur die Gebete, sondern vor allem die Melodien, die den Gebeten erst den richtigen Ausdruck vermitteln. Solche Melodien werden nie vergessen und bilden in der Ferne ein Stück der 1 leimat. Vielleicht sollte gerade diese wirklich gelungene Zu» sammcnstcllung ein Gruß des ausgewanderten Karl Haas an seine 1 Icimätgemcindc und sein heimatliches Gotteshaus bedeuten. So : einer ges und tat d lieh bedeutsamen Feier ihren würdigen Ausklang und tat darüber hinaus in einer letzten Zusammenfassung des musikalischen Ko\ sitztums die Verknüpfung aller Speyerer Juden aus nah und fern mit ihrem ehrwürdigen Gotteshause kund. K. M,»L. Die Erziehungsstätte New Herrlingen. Wenn man in Dover den englischen Boden betritt, hat man nur noch eine Bahnfahrt von 1 1 Stunden zurückzulegen, bis zur Station Lenham, um dann in wenigen Minuten mit dem Auto nach dem L.mdschulheün New Herrlingen zu gelangen, das sich im historisch interessanten Süden von England (nicht weit von Canterbury) in der landschaftlich besonders reizvollen Grafschaft Kent befindet. Die tjrzichungsstätte wird von Frau Anna Essinger, einer erfahrenen Pädagogin, geleitet, die ihr Landschulheim ypn Herrlingen bei Ulm Donau im Herbst 1933 nach England verlegt hat. Das geräumige Gutshaus Bunce Court mit einem großen Obst» und Gemüsegarten« 40 Morgen Park, Wald und Witsenland wurden von Frau Essinger vorläufig auf sieben Jahre gepachtet. Für die ■10 Jüngsten (etwa 6 bis 10 jährige) steht ein getrennt liegendes kleines Haus zur Verfügung, wo sie wie eine geschlossene Familie nach ihrem eigenen Rhythmus und nach ihrer eigenen Weise leben können. Zum Mittagessen sehen wir die Kleinen und Kleinsten ins Haupthaus gehen. Auch wenn musikalische Vorführungen oder Feierstunden veranstaltet werden, versammeln sich die Kleinen mit den Größeren im Ilaupthaus. Aber auch die Kinder des großen Gutshauses machen in der ,,Cottage" täglich Besuch und helfen dort, wenn .es nötig ist. Zum Landschulhcim gehört auch ein Holzhaus mit 20 Einzclzimmcrchcn für die großen Jungen. Auch Werkräumen, Laboratorien für Chemie, Physik und Biologie begegnen wir, auch einem kleinen Krankenhause, das in mustergültiger Weise von der Schwester der Leiterin, Frl. Paula Essinger, betreut wird. Die Kinder werden für die englischen Prüfungen vorbereitet. Die Erzichungsstättc New Herrlingen will ganz bewußt den Kine dem alles Schöne der deutschen Sprache, Dichtung, Kunst und (Musik erhalten, aber ebenso bewußt ihnen viele Brücken in fremde Länder bauen helfen, ihnen den Zugang erschließen zu engv lischcm Leben, zu englischen Menschen, zur englischen Gedanken!« weit . In den Ferien werden daher die Kinder in englische Fami« licn eingeladen. Auf diese Weise ist ihnen Gelegenheit geboten, London und andere englische Städte kennen zu lernen und eigene Beziehungen zur englischen Umwelt anzubahnen.

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