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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-01-01 · 5 (1.1.1938) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
5 (1.1.1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 5 Aus dem Reich. An die Juden in Deutschland! N In dem nunmehr beginnenden Kalenderjahr 1938 kann der Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretun? der Juden in Deutschland aul eine Tätigkeit von fünf Jahren zurückblicken. In dieser Zeit hat er sich auf den fünf Hauptgebieten seines Wirkens: Wanderung - Berufsausbildung und 'Umschichtung — Schulwesen Wirtschaftshilfe - Wohlfahrtspflege ZU der zentralen Planstelle entwickelt, die als öffentliche. 1 land aus der wirtschaftlichen und sozialen Hiltsarbeft für die Juden in Deutschland nicht mehr wegzudenken ist. \ Dier Auflösungsprozeß der Judenhcit in Deutschland setzt sich fort. Etwa ein Drittel des früheren Bestandes der judischen Bcvök kexung hat Deutschland bereits verlassen, viele stehen vor ihrer Auswanderung, viele weitere müssen folgen. Die Notwendigkeit, diesen Vorgang zielbewußt durch zweckmäßige Berufsausbildung und durch geeignete Wanderüngsplanung in geordnete Bahnen zu lenken und durch planmäßige Aufbauarbeit den Weg in die Zukunft zu ebnen, besteht weiter. In gleichem Umfange ver» bleibt die Verpflichtung) der Not des Tages zu begegnen und für die Zurückbleibenden zu sorgen. So ist es nötig, daß die Juden in Deutschland ihr großes konstruktives Werk ferner erhalten und festigen. Mit der gleichen Entschlossenheit und dem gleichen Selbst* vertrauen, mit dem alle helfenden und aufbauenden Kräfte in den verflossenen Jahren das Werk geschaffen und getragen haben, muß die Losung der verbliebenen Autgaben in Angriff genommen werden. Die Arbeit hierfür soll im Jahre 19)8 unter der Parole „5 Jahre Hilfe und Aufbau" fortgeführt werden. Diese Parole soll Verpflichtend mahnen, die Encrgieen wach zu halten, sich keiner unberechtigten Verzweiflungsbestimmung hinzugeben und nicht über den persönlichen Sorgen die Sorge für das Schicksal der Ge» meinschaft zu vergessen. Erneut rufen wir die Juden in allen Gemeinden und in allen Gruppen aut, sich dessen bewußt zu bleiben, was diese ihre Ge« meinschaft von ihnen fordern darf und weiter fordern muß. Was uns „Hilfe und Aufbau" in 5 Jahren war, muß jüdisches Verant« Wortungsbewußtsein und jüdischer Opfersinn aufrecht erhalten und ausbauen. 5 Jahre 1 lilte und Aufbau! Helft weiter 1 Herlin. Ende Dezember 1937. Reichsvertretung der Juden in Deutschland- Kahbincr- Tagungen in Wiesbaden. Am S. Dezember fand in Wiesbaden die Tagung des süd* westdeutschen Rabbinerverbandes statt, an der Dank der freund" liehen Unterstützung des Verbandes der israel. Kultusgcmeindcn der Pfalz die Rabbiner der Pfalz teilnehmen konnten. Neben wichtigen Besprechungen hielten Herr Rabbiner Dr. Lauer und 1 lerr Bezirksrabbiner Steuer Referate, die mit Aner« kennung aufgenommen wurden. Zu ihrer diesjährigen Mitgliederversammlung trat die Vereinigung der religiös liberalen Rabbiner in Deutschland am 9. Dezember in Wiesbaden zusammen, an der gleichfalls die Rah? biner eler Pfalz teilnahmen. Die Wahl des Ortes bedeutete eine Erinnerung an die erste. Zusammenkunft liberal»rcligiöscr Rab* binncr, die Abraham Geiger vor hundert Jahren nach Wies' baden, seinem damaligen Amtssitz, zusammengerufen hatte. Dile zahlreich besuchte Versammlung wurde im Aufti der Gemeinde Wiesbaden von deren stellvertretendem Vorsitzenden, Dr. Gold» stein begrüßt; nach ihm überbrachte R.«A. Heinrich Stern (Bcr» lin), der wie einige andere interessierte Laien der Tagung bei* wohnte, die Wunsche der Vereinigung für das religiös*liberalc Judentum. Zur Eröffnung der Beratungen gab der Vorsitzende S cl i g m a in n» Frankfurt a,. M. Kenntnis von den Ereignissen im Mitgliederkreis und gedachte vor allem der seit der letzten Tagung verstorbenen Mitglieder Einstein*Landau, Freudenthal» Nürnberg, Fincuß»l leidclbcrg, Schüftan»Erfurt und Tänzer*Göp> pingen. Unter den Begrüßungsschreiben, die der Konferenz von Kollegen zugegangen waren, erweckten bei der Verlesung die bo» deutsamen Mitteilungen große Aufmerksamkeit, welche die frü» beten Mitglieder Eik'Haita unil ^Wilhelm»Jerusalem über religiöse Fragen im neuen Palästina machten. Ueber „Neue Forschungen zur Geschichte Esras" hielt Max. Yogclstcin*Koblenz das wissenschaftliche Referat. Das Referat Seligmanns über „Religiösdibcralcs Judentum — Rückschau und Ausblick" wurde zu einem bedeutenden, umtas» senden Bericht über die Entwicklung im religiös*Jibcralcn Juden* tum Deutschlands. Die teilweise kritische Stellungnahme, mit der Seligmann manche Erscheinungen beleuchtete, gewann hohe per» sonliche Bedeutung, weil Seligmann mit diesem Bericht den Vor* sitz der liberalen Rabbinervcrcinigung, den er 25 Jahre innchatte, niederlegte. Seine Ausführungen, die bis in die neueste Zeit führ» ten und in der Forderung gipfelten, ein umfassendes religiöses Leben unter Auswertung aller jüdischen Kräfte zur Vcrlcbcndigung zu fördern, gaben äußerst wichtige Ergänzungen zu dem Buch des Referenten über die Geschichte der jüdischen Reformbewegung, das den ganzen Stoff übersichtlich darbietet auch für eine Zeit, deren religiösen Liberalismus Seligmann bereits gestaltend mitge» bildet und geführt hat. Diese jahrzehntelange Verbundenheit sprach auch ergreifend und eindrucksvoll aus Seligmanns Bericht, der gewissermaßen als Vermächtnis an die Fortsetzer religiös»Iiberaler Arbeit den Aufruf richtete: In aller gegenwärtigen und künftigen) Existenz in Ercz Israel und in den Ländern der Welt, die aus den literarischen Quellen des Judentums schöpfende, den gegenwärtigen jüdischen Aufgaben und Problemen zugewandte Religion in urv auflöslicher Verbindung mit dem Bewußtsein eines existierenden lebendigen jüdischen Volkes zu der das Leben der Gemeinschaft und des einzelnen bestimmenden Kraft zu machen. Aus der an, schließenden Aussprache ging die Notwendigkeit und Bereitschaft! zur religiösen Durchdringung des gesamten jüdischen Lebens deut» lieh und eindringlich hervor, deren Bedeutung gerade fiu unsere gegenwärtige Situation besonders betont wurde. Zürn neuen Vorsitzenden der religiös» liberalen Rabbiners er einigung wurde Diene man n*Offenbach gewählt, der seinem Amts» Vorgänger Seligmann, der zum Ehrenvorsitzenden der Vereinigung ernannt wurde, aus tiefer Verbundenheit gemeinsamer Arbeilt! den Dank und die Anerkennung aller Kollegen aussprach, die in Scligmainn den Meister des Liberalismus ehren. Ueber seine Tätigkeit als Vorsitzender der Vereinigung hinaus galt dieser Dank dem Führer des religiösen Liberalismus überhaupt. Aufrichtiger Dank wurde auch Kollegen Blu m cn thal*Berlin zuteil, der seine Mitgliedschaft im Vorstand nach jahrelanger Tätigkeit als stell» vertretender Vorsitzender niederlegte. R. Zum Heimgang von Prof. Dr. S. Landauer- Augsburg. Am 18. Dezember 1937 starb im 92. Lebensjahr nach schwerer Krankheit Herr Professor Dr. S. Landauer in Augsburg. Er ist in Hürben (Kreimbach) geboren, einer Gemeinde, aus der dem baverischen Judentum viele verdienstvolle Männer erwachsen sind. Er war Oberbibliothekar und Professor für orientalische Sprach» Wissenschaft an der Universität in Straßburg i. E. Der Präsident der Reichsvertretung Dr. Leo Baeck 25 Jahre' Rah biner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. - In den letzten Dezembertagen des Jahres 1912 ist der da» malige Düsseldorfer Rabbiner Dr. Leo Baeck dein Rufe des Berliner Geir.eindevorstandcs gefolgt und hat sein Amt als Rabbiner der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands angetreten. FünfunoV zwanzig lange und ereignisschwerc Jahre sind seither vergangen. Sie haben erwiesen, wie glücklich die damalige Wahl gewesen ist. Sie hat einen Mann von seltener Prägung an die maßgebende geistliche Stelle des Judentums in Deutschland gebracht. Eime umfassende, in der Weite ihres Bereiches wie in der Tiefe der, Durchdringung immer wieder staunenerregendc Bildung vereinigt sich in ihm mit Schärfe des Verstands und Güte des Herzens und mit einem praktischen Blick, den geschulte Verwaltungsbcamtc an ihm bewundern. So vertraut er mit allen theologischen Prob" lernen ist, so hat er doch nie Theologie um ihrer selbst willen gel trieben. Die philosophische und die historische Betrachtungsweise sind bei ihm eins geworden. Sic hat ihn aber nie (dem tätigen Leben entfremdet. Der Mann, der das klassische Buch über „Das Wesen des Judentums" geschrieben hat, verkörpert in sich selbst das Bestti dieses Wesen: die Verbindung von Lehre und Leben. Der Inhaber eines zentralen Lehramts an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums ist fast während des ganzen Kriegs Feldrabbiner an vorderster Stelle gewesen. Der Vorsitzende des allgemeinen Rab* binerverbandes wurde alsbald nach der Gründung der Jewish Agency Mitglied der leitenden Gremien dieser Körperschaft und Präsident des-Palästina»Aufbauwerks in Deutschland. Unter seiner Leitung erstarkte die Zcntralwohlfahrtsstellc und als es nach dem Umbruch im Jahre 1933 galt, alle Kräfte für Hilfe und Aufbau im jüdischen Leben in Deutschi nd zusammenzufassen, war die Grün» dung des Zentralausschusses, der diesen 'Namen trägt, mit sein Werk. So war kein anderer zur Führung der großen zentralen Organisation der Judenheit in Deutschland, der Reichsvertretung, berufen als Leo Baeck. Ob die Oeffentlichkeit zu ermessen veranlag, was er an ihrer Spitze geleistet hat und in täglicher uner» müdlicher Arbeit leistet, die keine Schonung der eigenen Person kennt? Aber wer mit ihm zusammenwirken durfte, der weiß von~ seiner Demut gegenüber'dem göttlichen Walten, von seinem Willen, ein schweres Schicksal zu meistern, und hat gewiß etwas von dem Zauber seiner Persönlichkeit verspürt. Der Rabbiner von Oppeln, von Düsseldorf, von Berlin ist zum Seelsorger, zum Lehrer, zum Führer der ganzen deutschen Judenheit geworden. Möge er es noch lange, lange bleiben! Aus der Pfalz Auswandererberatung. Die Sprechstunde des Auswandererberaters findet für die Juden in der Pfalz in Mannheim E 7* 28, Dienstags und Freitags von 9.30 bis 12.30 statt. Die Sprechstunde der Auswandcrcrberatungsstellc des Milfs»1 Vereins in Kaiserslautern am 20. Dezember mußte ausfallen. Diese Sprechstunde findet nunmehr in Kaiserslautern am. Dienstag, den H. Januar 1938 von 3—6 Uhr nachmittags im Nebenraum der Synagoge statt. Besucher aus Kaiserslautern selbst wollen erst ab etwa 1 5 Uhr zur Sprechstunde kommen, damit die Besucher von auswärts wegen der Rückfahrmöglichkeiten zuerst beraten werden können.

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