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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1937-11-26 · 4 (26.11.1937) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
4 (26.11.1937)
Date
1937-11-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 4 die Familicnzahl eine weit geringere war. Die Kehilla hatte schon 1829 einen Kultusheamtcn (Kantor, Lehrer und Schochct). Die' gleiche Jahreszahl tragen auch die ersten „Statuten der israel. Gemeinde Speyer". 1829 kauft die Gemeinde eine leerstehende Scheune und haut dort hinein einen Schulraum. Im gleichen Jahre erwirbt die Gemeinde einen Begrahnisplatz, den sogenannten „alten Friedhof am Klaraklosterwcg". Vorher fanden die Toten der Gemeinde ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof zu Eningen, der mehr als 20 Kilometer von Spevcr entfernt lic^t. Der Cioltesdienst war in verschiedenen, durchaus unzulänglichen Räumen abgehalten worden. Das rasche Wachstum der Gemeinde erforderte die Erstellung eines würdigen Gotteshause. Nach langen Verhandlungen und Vorbereitungen — hegrciflichcrweise bereitete die Finanzierung große Sorgen — konnte endlich am 24. November 1837 unsere jetzige Svnagoge mit einer impo* sar.ten Feier eingeweiht werden. (Sie war etwa halh so groß'als die fetzige Synagoge und hatte die typisch«jüdische Bauart, den Alme* mor in der Mitte.) Eine gewaltige Leistung der jungen Gemeinde, die hei 2>0 Seelen etwa 35 Haus« haltungsvorständc zählte: 11000 (mlden kostete der Bau. Stetig wachst die Gemeinde weiter und 1862 zahlt die Kehilla bereits 400 Seelen; begreiflich daher, daß der Bctr.uim sich als zu klein erwies. Man schritt zum Umbau, zur Vcrgrölscrung der Synag«>ge und der Innenraum des Bcs Hakcncses erhalt im wesentlichen seine heu« tige Gestalt. 18C>6 ist der Bau voll« endet. 18000 Gulden waren da» für aufzubringen. Um diese Zeit wurde auch in unserer Svnagoge, sicherlich als einer der ersten in ganz Suddeutschland die Orgel eingeführt und der früher bestan» dene Mannerchor in einen gc« mischten Chor umgewandlt. Der Ucbergang von der Orthodoxie zum liberalen Ritus war Voitze« gen. Trotzdem blieben typisch* orthodoxe Einrichtungen lange bestehen, die Mikweh wird noch lange Jahre benutzt. 1875 erreicht die Seelenzahl der Gemeinde das halbe Tausend. 1888 fand im Friedhof am Klaraklosterwcg eine Gemeindeversammlung statt, bei welcher der vollbelegte Friedhof geschlossen wurde; anschließend daran wurde am gleichen Tage die jüdische Sondcrparzelle im neuen stadtischen Friedhof an der Wormser Landstraße eingeweiht. Der neue Friedhof wurde nicht mehr in der traditionellen Weise ange« legt. Die Orientierung der Gräber nach Misrach wurde verlassen. Bald waren weitere Umgestaltungen des Synagogenbaues notwendig das weitere Anwachsen der Beterzahl verlangte eine Neuordnung der Bankplätze. Durch Neueinteilung wurden nochcinmal 34 Männer« platze gewonnen, alte Scheunen, die an der Nordscitc standen, wurden angekauft und abgerissen und der breite Trcppencingang an der Nordscitc wurde angelegt, Fenster wurden in die Nordwand gebrochen. 37 000 Mark kostete diese Umgestaltung. 1904 plant man die Erstellung einer eigenen Fricdhofhallc, Pläne liegen vor, Kapital ist bereit gestellt, der Bau unterbleibt. Die Gemeinde, die mit 539 Seelen im Jahre 1880 ihren Höhepunkt erreicht hat, nimmt nun langsam aber stetig ab. 1900 hatte sie 520 Seelen, 1904 nur noch 478 Seelen. Noch aber wächst die Zahl der ,,Ba« ale Battim", nur die Kinderzahl sinkt rapid. Ab 1910 scheint aber auch die Zahl der Familien zu sinken, denn nun verzeichnet man nur noch 403 Seelen. Der Wegzug ^begüterter Familien setz) stärker ein, nennenswerter Zuzug erfolgt nicht, die heute charak« tcristische Vergreisung der Gemeinde nimmt langsam ihren Anfang. 1911 feiert die Gemeinde ein seltenes Jubiläum. 50 Jahre sind verflossen seit Herr Sicgmund Herz in die Gemeindeverwaltung eintrat. Seine respektable, kraftvolle Persönlichkeit gab jähr« zchntclang der Gemeinde das Gepräge. Kchillah Speyer und ihr Parncs Sicgmund Herz waren in der Pfalz ein Begriff. 1913 erfolgt der letzte Ausbau der Synagoge; die Frcilcgung des Gottes» Inneres der Synagoge Luises nach der Südseite. Die dort gelegenen Baulichkeiten wer» den abgebrochen. Gleichzeitig wird die Synagoge außen und innen grundlich renoviert. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 10000 Mk. Im Weltkrieg stehen die Jugend und die Männer unserer Gemeinde ' im Feld und erfüllen in selbstverständlicher Treue ihre Pflicht. —r2~"kehren nicht wieder. Eine schlichte Erinnerungstafel an der Nordwand der Synagoge, die von Benno Elkan«Frankfurt a. M. geschaffen und 1923 geweiht wurde, bezeugt ihren Heldentod. 1925 zählt die Gemeinde 335 Seelen, 1933 werden noch 269 Juden i:t Speyer ermittelt. Jetzt wohnen nur noch 150 Seelen hier. Das „Auf und Ab" der Gemeinde spiegelt sich nicht nur in der S\ nagoge und Friedhof, sondern auch in den Vereinen und namentlich in der Schule wieder. Die jüdische Volksschule, eine der ältesten in Deutschland bestand schon 1831 also schon 6 Jahre vor dem Synagogenbau. 1833 betreut der Lehrer Benedikt 42 Schulkinder, bei einer Seelenzahl von 210, genau ein Fünftel der Gemeinde. Benedikt war gleichzeitig Kantor, Lehrer und Schochet. 1837 wurde Lehrer Schloß hier angestellt und war über 50 Jahre im Amt. Schon bald wird Kanto* rat und Schulamt getrennt. Als Kantoren wirken Moses Moschc, später der berühmte Moritz Rosenhawpt, der 1881 dem Jahre in welchem die Seelenzahl der Gemeinde erstmals um ein weni* ges Sinkt, als Oberkantor nach Nürnberg berufen wird. Er war einer der bedeutendsten Kantoren Deutschlands, ein stimmbegabter, kultivierter Sänger und hervorra» gender Musiker. Sein Nachfolger Hirsch amtiert nur wenige Jahre hier. 1889 erledigen sich gleich» zeitig die Lehrer» und Kantoren* stelle, und nun wird in der Per» son Leo Waldbotts eine praktische Lösung gefunden; ein tüchtiger Lehrer mit guter musikalischer Befähigung vereinigt beide Aenv» ter zur volleji Zufriedenheit der Gemeinde. Eine schwere Erkran» kung zwingt 1923 den arbeits« freudigen Mann um seine Pensionierung nachzusuchen. Als seinen Nachfolger ernennt der Staat Herjyi Lehrer Krämer aus Rocken* hausen, der jedoch das Kantorat nicht übernehmen will, dasselbe wird dem Kultusbeamten der Gemeinde, Herrn Grünberg, über* tragen, dessen gewaltiges Stimmaterial ihn zum Kantor befähigte. 1929 folgt Krämer einer Berufung nach München. Sein Nachfolger wird der bereits pensioniert gewesene Lehrer Schwarz in Eden* koben. 1931 erkrankt Schwarz, wird beurlaubt und stirbt im Jahre 1933 im Kreise seiner Famttie zu Ichenhausen in Schwaben. Voh 1931 bis 1933 bleibt die Schulstelle unbesetzt und wird, durch dauernd wechselnde, zumeist christliche, Schulamtsbewerber versehen. Den Religionsunterricht läßt der Staat durch auswärtige Religionsichrer erteilen. 1933 erfolgt durch die Berufung des Verfassers dieser Zeilen die Wiederbesetzung der Stelle. Seit 1923 ist jeweils dem staatl. Lehrer die Prediger*Funktion in der Syna» goge übertragen. Heute besuchen 21 Kinder die Volksschule, davon nur 15 aus Speyer selbst; dabei sind fast keine Kinder mehr in höheren Schulen. Die Kehilla Speyer und ihre Schule schrumpft mehr und mehr. Die Reihen lichten sich; die Armut zieht ein, wo ehemals Wohl» stand war. Wir begleiten die Jugend zur Bahn und tragen die Alten zu Grabe. Der Geist aber, der die Führer der Gemeinde und ihrer Institutionen beseelte, der Geist der Treue zu Glauben und Volk stirbt nicht. „Wir Juden haben uns darauf versteift, am Leben zu bleiben"; dieses Wort von Chajim W^eizmann, dem berufensten Sprecher der jüdischen Gesamtheit gilt auch für uns. Möge Gottes Segen all denen beistehen die aus unserer Stadt hinausziehen, mögen sie sich draußen bewähren als das, was sie hier gewesen: „Juden, glaubenstreu und opferwillig!" Siegmund Marx'Speyer. Pnolo Fred Bltim Aus dem Reich. Förderung der jüdischen Auswanderung durch Kapital Transfer. An dem Transferverfahren, das auf Anordnung der Rcichsstcllc für Devisenbewirtschaftung über die Allgemeine Treuhand'Stellc für die jüdische Auswanderung (Altreu) Gesellschaft mit beschr. Haftung Berlin W 35, Potsdamerstr. 72 abgewickelt wird, können in Zukunft gemäß einer dieser Treuhand'Stellc von der Reichs» stelle für Devisenbewirtschaftung erteilten Genehmigung jüdische Personen teilnehmen, deren , Vermögen bei Einzelauswanderung RM. 30000.—, bei gemeinschaftlicher Auswanderung von 2 Per» sonen RM. 40000.—, bei gemeinschaftlicher Auswanderung von 3 und mehr Personen RM. 50 000.— nicht übersteigt. Die bei Einleitung des Verfahrens zu berücksichtigenden Einzelheiten sind aus einem Merkblatt der Alt reu zu Versehen, welches auf Anforderung vom Hilfsverein der Juden in Deutschland, Berlin W 35, Ludendorffstr. 20 und dessen Zweigstellen, vom Palästina« Amt, Berlin W 15, Meinekestr. 10 und dessen Zweigstellen, sowie von der Altreu an Interessenten kostenlös abgegeben wird. Diese Stellen sowie die Altreu erteilen auf Wunsch auch Auskunft über die Höhe der erzielbaren Transfersätze. Auslandsreisen von Wehrpflichtigen. Mit Rücksicht auf die immer wieder erhobenen Zweifel über die Bestimmungen bei vorübergehenden Reisen ins Ausland sowie bei der Auswanderung jüdischer Wehrpflichtiger hinsichtlich der Mitwirkung der Wehrersatzstellen hatte eine Klärung dieser Frage durch Rücksprache des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten mit

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