Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 4 (26.11.1937)
- Date
- 1937-11-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 3 Christen durften sie nach jüdischem Recht Beweis führen, germa' nische Gottesurteile sollten gegen sie nicht angewendet, Verbrechen gegen sie streng bestraft werden. Dieses Privileg unterzeichnete der Kaiser eigenhändig, nachdem er sich vorher mit 'dem Rabbi Kalonymus über den Speyerer Dom, der damals erst einige Zeit fertig gestellt war, unterhalten hatte. Auf des Kaisers Frage, ob der Dom dem salomonischen Tempel an Schönheit nicht über» legen sei, suchte der Rabbi aus der Bibel die höhere Würde des Tempels nachzuweisen. Daß der Kaiser die freimütige Antwort nicht ungnädig aufnahm, zeigt das Privileg, das er erteilte. Obwohl nun die Juden dem Kaiser direkt unterstanden, ließ er dem Speyerer Bischof die ihm als Stadtherrn zustehenden Rechte, so daß Bischof und Juden in dauernder Verbindung blieben. Von ihm war der Vorsteher der Synagoge abhängig, an seine Kammer flössen die für Verletzung der Judenrechte erhobenen Bußgelder. Seit 1090 so unter doppeltem Schutz, brach für die Speyerer Juden eine gute Zeit an. Unterbrochen nur von einem Schreckenstag im Jahre 10%, wo die Kreuzfahrer einige Speyerer Juden ermor» deten. Doch bot der Bischof gleich Bewaffnete zu ihrem Schutz auf, die weitere Gefahr abwendeten. Jetzt begann die hundert Jahre lange Blütezeit der Gemeinde. Damals entstanden .die Bauten in der Gegend, die heute noch die Judengasse heißt: Eine Synagoge, als deren Baujahr schon 1084 bezeichnet wird, ein Gemeinde», ein Dantz« oder Brutehaus" (Tanz» oder Brauthaus), ein Lehrhaus und eine Mikwe, aus der Wende des Jahrhunderts, ein paar Jahre später noch eine zweite Synagoge. Von all dem ist heute nur noch eine Mikwe, das „Judenbad" erhalten, das mehr als 400 Jahre seiner Bestimmung diente. Eine unterirdische Anlage in romanischem Baustil. Dieses Speyerer Judeflbad mit seinem alten Gemäuer zwischen winkligen Gäßchen verdient nicht nur als ein verträumter Zeuge jüdischer Geschichte, sondern auch als Kunstdenkmal aus der Zeit der sa» lischen Kaiser Beachtung. — Von der romanischen Synagoge sind allein kümmerliche Mauerreste übrig. Sonst i künden nur noch ein paar verwitterte Grabsteine von den jüdischen Menschen des alten Speyer. Deren Namen besaßen in der damaligen jüdischen Welt einen guten Klang; denn die Gemeinde war ein geistiges Zentrum. „Die Weisen von Speyer" werden mit der» selben Ehrerbietung genannt, wie die alten Meister von Worms und Mainz. Und daß diese drei Gemeinden eine gewisse Einheit bildeten, die sogenannte SchUM (Speyer — Worms—Mainz), ist aus ihren Verordnungen, den Tekanoth SchUM bekannt. Von diesen schreibt ein jüdischer Autor, Isaak aus Wien: „Von unseren Lehrern in Mainz, Worms und Speyer ist die Lehre ausgegangen für ganz Israel, und seitdem Gemeinden in Deutschland und in unserem (dem slawischen) Königreiche sind, hat man sich da» selbst an ihre Vorschriften gehalten." Wiederholt tagten auch die Rabbinersynoden und der Ge» meindeverband während dieser Blütezeit in Speyer, bis beim zweiten Kreuzzug von 1195 große Verfolgungen über die Ge» meinde hereinbrachen. Wenn auch der Kaiser die Mörder zwang, den Juden Buße zu zahlen, es war der Anfang des Niedergangs. 50 Jahre später verloren sie ihre Handelsfreiheit: Außer Geld, sollten sie nur noch mit Wein, Kräutern und Arzneien Handel treiben. Einige Jahrzehnte nach dieser Beschränkung begann ihre finanzielle Ausbeutung durch die Kaiser, die die Speyerer Juden von nun an wechselnd an Städte, Bischöfe und Herren verpfän» deten und Forderungen bei den Juden einziehen ließen. Gegen-Ende des 13. Jahrhunderts setzte die jahrhundertelange Leidenszeit der Speyercr Juden ein. So ereilte' sie 1282 und 1343 das Verderben. Und als 1349 der „Schwarze Tod" durch Europa rast, leuchtet im Speyercr Judenghetto die Brandfackel der sich Klischee: Israel. Fafnilienblatt Wartehalle der Mikwe in Speyer (1104-1534) selbst verbrennenden Juden. Das Gesche» en dieses Jahres hat vor einem Jahrzehnt der damalige deutsche Gesandte in Wien, Dr. Maximilian Pfeiffer, in seinem Buch „Kyrie eleison", ein Roman von Juden und Chri» sten im alten Speyer, reitalet- Dieser Schlag hatte die Gemeinde ins Mark getroffen. Die Steine ihrer Häuser, Grabsteine und Fried» hofsmauern, wurden von der Stadt zu neuen Türmen und Stadtmauern benutzt. Zwar durften die 1349 Entkommenen, die in I leidelberg Zuflucht' gefunden hatten, wie» der zurückkehren, aber es gab nur neue Schwierigkeiten: Rci* bereien mit den Zünf» ten, ein Verbot der Errichtung neuer Schu» len, eine demütigende Kleiderordnung, Be» nutzung der Synagoge als städtisches Zeug» haus und neue Aus» treibungen 1353, 1405 und -1435. Aber all das konnte die Hei» matliebe der Speyerer iuden nicht ersticken, is Klischoe Israel Fomilionblatr Aus- und Ankleidehalle der Speyerer Mikwe mit dem großen Brand der Stadt Speyer im Jahr 1689 Synagoge und Judengemeinde ihr Ende fanden. Als die Stadt wieder aufgebaut war, erhielten die Juden nur „temporarische" Aufenthaltserlaubnis, so daß sie skh wie ehemals in den umliegenden Dörfern ansiedelten. Mehr ab 100 Jahre sollten vergehen, bis eine neue Epoche der alten Gemeinde anbrechen konnte. . (Aus einet Veröffentlichung anläßlich des 850j6hr.gen Bestehens der Speye<er GwffiWndi m lohre 1?^) Reinhold HerZ'Speyer. Neugründung, Aufstieg und erneute Abnahme der Gemeinde Speyer im 19. und 20. Jahrhundert Das Jahr 1689 brachte das Ende der berühmten Judengemeinde zu Speyer; ihr») Synagoge verbrannte und, nur die' Ostwand blieb bestehen.- Mehr als Hundert Jahre wohnten in Speyer keine Juden mehr. Erst als das Gebiet der Rheinpfalz Unter die Herrschaft der französischen Republik kam, siedelten sich zögernd wieder Juden auf Speyerer Boden an. 1798 verzeichnet das Standesamt die erste jüd. Geburt in Speyer. 1808 .mußten die Juden unter Napoleons Herrschaft Familiennamen annehmen und ein damals vom Mairc der Stadt aufgestelltes Verzeichnis nennt insgesamt 80 jüdische Seelen in Speyer. Da dies etwa 15 bis 18 .Familien waren, so ist anzunehmen, daß schon Jahre vorher ein Minjan hierorts bestand. Tatsächlich fand ich unlängst hier ein altes „Porochcs" (Thoraschreinvorhang) dessen hebräische Inschrift die Jahreszahl 5574 » 1804 angibt. Das junge Gemeinwesen wächst außerordentlich rasch und erreicht schon 1830 über 200 Seelen; war also größer als die jetzige Gemeinde, wenn auch sicherlich ./