Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 3 (1.11.1937)
- Date
- 1937-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 3 Die Leitung des Hauses, welches seit Eröffnung die Bereich« nung „Israelitisches Altersheim für die Pfalz" führt, ist musterhaft. Die Oberin ist unermüdlich besorgt für peinliche Reinhaltung des Hauses, fiir gute Verpflegung der Insassen und für strenge Einhai» tung der Hausordnung. Die Pfleglinge werden individuell von ihr behandelt und alle fühlen sich in dem schönen Heim wohl. Ihr Zusammenleben ist sehr freundschaftlich und sie finden abends in dem (Jcscllschaftsraum Unterhaltung und Anregung. Die Feiertage werden entsprechend gehalten. Bei den recht hübsch veranstalteten Chanukka* und Purimfeiern empfangen die Insassen Geschenke, die meistens von Vercinsmitglicdcrn gespendet werden. Zu Beginn des vorigen Jahrzehnts wurde ein zweites Haus erbaut und die Gartenanlagc,verschönert. Dieser Neubau mit der Bezeichnung „Carolnhcira" wurde im Jahre 1924 eingeweiht. Beide Häuser können etwa 50 Insassen aufnehmen. Die meisten Zimmer enthalten zwei Betten; Einzclzimmer^ind nur wenige vor* handcnS A. Das Altersheim war immer nur von etwa 30 Männern und Frauen im Alter von 65 bis 80 Jahren (etliche sind auch älter) bewohnt.- Seit zwei Jahren hat sich der Zugang vermehrt, das Haus ist voll besetzt, aber noch viele Anmeldungen liegen vor, die nicht berücksichtigt werden können. Infolge Auswanderung der Kinder, Schwierigkeiten im Erwerb oder anderer Nöte werden ältere Glau* bensgenossen gezwungen ihren Haushalt aufzugeben, wodurch die Aufnahmegesuche immer häufiger werden. Durch die Abnahme der jüdischen Gemeinden werden auch die Beiträge für den Verein geringer. Aber wie sich auch die Zukunft der pfälzischen Juden gestalten mag, die Fürsorge für die alten Leute wird sich bestimmt noch auf einen Zeitraum von. 20 Jahren zu erstrecken haben. Dies ist eine Tatsache, die allein für die Unterbringung und Versorgung unserer Alten maßgebend sein muß. Den Gemeinden kann man die Fürsorge für sie nicht überlassen; aber die Verarmung der Juden, namentlich in den klei« nen Kultusgemeinden, gibt Veranlassung allen jenen zu helfen, die ohne ihre Schuld in Not geraten sind. In guten Zeiten haben die Pfälzischen Juden das schöne Heim erbauen lassen, in welchem ihre unterkunftsbedürftigen Mitbrüder und Mitschwestern in Ruhe ihr Alter verbringen können. Aber auch für die alten Leute, welche jetzt nicht aufgenommen werden können, muß für Unterbringung gesorgt werden. Dazu ist ein weiteres Haus notwendig mit etwa 30 Einzel« und 15 Doppelzimmern, wie gegenwärtig die modernen Neubauten für solche Zwecke, erstellt werden, wobei nicht unterlassen werden darf eine Anzahl Krankenzimmer zu reservieren. (Im jetzigen Alters« heim können beispielsweise ernstlich Kranke nicht bleiben!) Ein Anbau beim Altersheim kann ermöglicht werden. Auch sollen Geldmittel vorhanden sein, welche durch die Beiträge und Spenden der pfälzischen Juden schon in den vergangenen Jahren angesammelt werden konnten. Allenfalls könnte man auch noch die bewährte Gebefreudigkeit der pfälzischen Juden in Anspruch' nehmen. „Wer schnell gibt, gibt doppelt,'1 heißt es. Daher ist ein rascher Entschluß geboten, damit im Herbst 1938 das neue Haus bezogen werden kann. J. S. L. Die oberste Pflicht der pfälzischen Judenheit ist die Erhältung und der Ausbau des Jüdischen A/tersh ims für die Pfalz. Bei der Sorge um die Zukunft unserer fugend dfirf das Schicksal unserer Alten nicht vergessen werden. Die Sorge für unsere Alten EßÄETim^m. Aufgaben in Hülle und Fülle erwachsen heute dem Judentum, seinen einzelnen Organisationen. Ein ebenso wichtiger wie drin« gender Bestandteil jüdischer Sozialarbeit ist die Fürsorge für alleinstehende alte und bedürftige Menschen. Sie steht im Zusammenhange mit der Wanderungsbewegung, vor allem mit der Auswandetung unserer Jugend, für die bei uns es kein Ver« bleiben, keine Existenz mehr gibt. Unsere Altersheime sind namentlich in den beiden letzten Jahren stark in Anspruch ge« nommen worden. Die letzten Zimmer sind belegt, das gilt beson« ders von unserem Altersheim in Neustadt' a. d. Weinstraße. Noch nie konnte es eine so segensreiche, so philanthropische Tätigkeit entfalten wie gerade in diesen gegenwärtigen Schicksals« tagen. Und wir müssen damit rechnen, daß in, den .nächsten Monaten und Jahren noch größere Anforderungen der Alters« Versorgung gestellt werden und daß in so" vielen Fällen die Kinder, die Angehörigen nicht mehr in der Lage «sein werden, materiell für die Unterbringung ihrer Väter und Mütter in Alters« heimen einzutreten, dann aber muß die Gemeinschaft sich der alten und bedürftigen Glaubensgenossen annehmen und ihnen einen ruhigen Lebensabend zu bereiten suchen. Ich verkenne nicht: das wird eine schwierige Aufgabe sein, aber ich vertraue dem sozialen Sinn, der noch immer bei uns Juden zu Hause ist. Die bestehenden Altersheime selber aber müssen nach Maßgabe der vorhandenen Geldmittel vergrößer t und neue Heime errichte t werden. Da darf es kein ängstliches Wägen, kein Aufschub, keine Verzögerung geben. Auf die Stunde kommt es. an. Eine Besichtigung des Grundstücks in Speyer, das als zweites Alters« beim für die Pfalz in Frage kommen sollte, hat ein negatives Resultat ergeben. Es wird wohl jetzt das Einfachste und Klügste sein, an das Altersheim in Neustadt einen Flügelbau anzugliedern, der 30 bis 40 neue Pfleglinge aufnehmen könnte. Bis zur Erstellung dieses Neubaues müßten alle verfügbaren Räume des seitherigen Altersheims— es ist zur Zeit mit 45 Insassen belegt — ausgenutzt werden. Nochmals: Die Stunde verlangt sofortiges Handeln. Mögen die beteiligten Persönlichkeiten es als eine Ehrenpflicht ansehen, das nötige Maß von Initiative an den Tag zu legen'. J Aus dem Reich. Kundgebung der Reichsvertretung d< Tuden in Deutschland anläßlich des Todes von Felix M. Warburg. „In Felix M. Warburg verliert die amerikanische Judenheit ihre repräsentativste Persönlichkeit, den Nachfolger von Louis Marshai. Ls ist ein Tragisches, daß beide Männer in einer entschei« denden Zeit den Juden ihrer Heimat und damit uns allen genommen worden sind. Die Stellung, die den Juden Amerikas in der jü« dischen Gesamtheit zugewiesen ist, stellt ihre leitenden Person* lichkeiten voran in unserm großen Ganzen. Wie Louis Marshai gehörte Felix M. Warburg in seiner Stellung zumal an der Spitze des American Joint Distribution Commitce wie in der Jewish Agcncv uns allen, den Juden überall in der Welt. Wir Juden in Deutschland erleiden den besonderen schweren Verlust. In Tagen unserer Not wußten wir, daß wir auf ihn rechnen durften, und er hat uns nie enttäuscht. Sein Rat, seine Hilfe und seine Bercitv schaft standen immer bei uns. Er hat für ums in Stunden, in denen toir seiner bedurften, eine Gewißheit bedeutet, und er wird uns in so mancher Stunde fehlen. Unsere tiefe Dankbarkeit wird das Andenken an ihn alle Zeit treu bewahren". Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland: Baeck Hirsch. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat an Frau Felix M. Warburg nachstehendes Telegramm gesandt: „Aufs tiefste betrauern wir den allzufrühen Heimgang von Felix Warburg. Wir alle verlieren in dem Entschlafenen einen Mann, der immer auf seinem Platze stand, der immer, in seiner Heimat wie in der Welt, die Stimmen unserer jüdischen Gesamtheit hörte,'zu dem wir immer hinblicken durften/ da er in entschei« denden Stunden sich niemals versagte. Uns Juden in Deutschland ist er in schweren Tagen unser Helfer geworden, wir werden in so mancher Stunde seinen Rat und seinen Beistand vermissen. In unserer unauslöschlichen Dankbarkeit wird er fortleben". Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland: Baeck Hirsch.