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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1937-09-01 · 1 (1.9.1937) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
1 (1.9.1937)
Date
1937-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 3 Sicherung der Westgrenze Palästinas. Die Diskussion über Palästina ist seit vielen Monaten von der „hohen Politik" beherrscht. Das kann nicht anders sein in einem Augenblick, in dem die Frage der staatsrechtlichen Neu« gestaltung des Aufbauwerks zur Entscheidung steht. Freilich soll man dabei Eines nicht aus dem Auge verlieren: wir wissen nicht, wann das letzte Wort in unserer Sache gesprochen werden wird, aber es gibt keinen Zweifel, daß bis zur endgültigen Klarheit über die künftige Entwicklung Palästinas noch eine geraume Zeit vergehen wird. Zahlreiche Instanzen müssen durchlaufen werden, Verhandlungen und Untersuchungen vielfältiger Natur sind erforderlich, bevor ein eigens zu diesem Zweck berufener Kongreß des jüdischen Volkes wird entscheiden können, ob die Juden bereit sind, sich ihren Staat in einem verkleinerten Palästina zu bauen. In dieser Situation des Uebergangs besteht vor allem die fofad tyt«wfo«J 40» 2loi*ltyttijUt*! ' —— eine große Gefahr, daß wir Juden wie gebannt auf den Schauplatz der jeweiligen Verhandlung sehen, jedem Couloirgerücht über ihr Ergebnis entscheidende Bedeutung beimessen und im übrigen die Hände in den Schoß legen und abwarten, was das Schicksal oder die Tätigkeit unserer politischen Führung uns bringen wird. Eine solche Haltung wäre darum so besonders verhängnisvoll, weil gerade von der wirtschaftlichen und kolonisatorischen Aktivität der Juden in der jetzt beginnenden Uebergangszeit das Schicksal des Jischuw und die endgültige politische Entscheidung zu einem wesentlichen Teil mitbestimmt werden können. Professor Weiz» mann hat in seiner eindrucksvollen Schlußrede in Zürich auf die eine Seite dieses Problems hingewiesen, als er von der Unruhe sprach,'die ihn angesichts der wirtschaftlichen Stagnation in Palä» stina erfülle. Seit dem verhängnisvollen April 1936 stehen die Juden Palästinas im Kampf um das jüdische Recht und die Fort* Setzung der Einwanderung. Es konnte nicht anders sein, als daß die Unsicherheit der Verhältnisse und die Unklarheit über den künf* tigen Weg schwere Störungen des Wirtschaftslebens verursachten. Deshalb ist es jetzt die Aufgabe des nationalen Kapitals, insbe* sondere des Keren Hajessod, stützend einzugreifen und dem Ji< schuw über eine Uebergangszeit hinwegzuhelfen, die den Weg bereiten soll für einen neuen Aufschwung nach Klärung der politischen Frage. Das meinte Weizmann in erster Reihe, wenn er am Schluß des Zionistenkongresses die Juden der Welt aufrief, durchzuhalten, die Fonds zu fördern und „nicht bloß das Mögliche zu tun — das kann jeder — sondern zu tun, was schwere Anstren* gungen erfordert". — Aber noch in einer anderen, mehr konstruk* tiven Weise hängt von den Anstrengungen der Judenheit gerade in dieser Uebergangszeit die Sicherung der Zukunft ab. Das ist die Frage des Bodens. Gleichgültig, ob der jetzige Plan eines Juden» Staats Wirklichkeit werden wird oder nicht: Dunam für Dunam müssen wir selbst den Lebensraum schaffen, der Einwanderung und Kolonisation ermöglichen soll. .Staatsrechtliche Herrschaft darf nicht mit privatrechtlichem Begriff verwechselt werden, und auch im jüdischen Staat wird es keinen anderen Weg des Bodenerwerbs aus arischer Hand geben als den, den der Keren Kajemeth Lejis» rael seit Jahr und Tag gegangen ist. Die auf dem XX. Kongreß erörterten Kolonisationspläne (z. B. der Wjlkansky, dem Leiter der landwirtschaftlichen Versuchstation in Rechowoth) sprechen von der Möglichkeit, in den nächsten 10 Jahren 30 000 jüdische Familien auf dem Lande anzusiedeln, und zwar in erster Linie in dem Teil Palästinas, den selbst der Teilungsplan in seiner heutigen von uns als ungenügend abgelehnte Form den Juden zuspricht, in Galiläa, an der Nordwestgrenze Palästinas. Eine unserer großen Aufgaben in der Uebergangszeit wird es sein, diesen Teil Palästinas, der einmal das Zentrum jüdischen Geisteslebens war und.^der heute öde und verlassen ist, weil sich in ihm die nationale jüdische Koloni« sation noch nicht festgesetzt hat, für die künftige Sicdlungsarbeit zu sichern. Um das Hulegebiet herum, dessen Entsumpfung infolge vieler Schwierigkeiten erst jetzt vom KKL zusammen mit der Ica in Angriff genommen werden kann, soll in kurzer Zeit! eine in Angriff genommen werden kann, soll in kurzer Zeit eine große jüdische Bodenreserve geschaffen werden, deren Existenz ein Fak» tum sein wird, das von keiner Grenzfcstsctzungskommission über» sehen werden kann. Wegen der besonderen Dringlichkeit der Aufgabe, die Westgrenze Palästinas auf diese Weise zu sichern, &m (tttHtyMi»! hat^ der Keren Kajemeth LcjisracL sich entschlossen, seine dies» jährige Roschhaschanah'Campagne als Sonderaktion für den Er» werb won Obcrgaliläa durchzuführen. Er ruft die Juden in aller Welt und mit ihnen uns Juden in Deutschland auf, ihm die not*) wendigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Wieder einmal erweist es sich, daü in Palästina die Juden bereits heute — wenn auch in einem eng begrenzten Rahmen — Herren ihres Schicksals sein können. An einer konkreten Auf» gäbe von schwerwiegender politischer Bedeutung werden wir alle zu zeigen haben, daß wir verstehen, die Chance zu >nützen. Dr. Kurt Licht. Typische Fehler unserer Auswanderer Nachstehend bringen wir einen Aufsatz aus dem'in Kürze erscheinenden neuen Heft des Korrespondenz* blattes „Jüdische Auswanderung" herausgegeben vom Hilfsverein der Juden in Deutschland, Berlin W 35, Ludendorffstraße 20. 1. Eine der verhängnisvollsten Schwächen unserer Auswan* derer ist ihre Abneigung, sich von den größeren Städten loszu* machen und in die kleinen Städte oder gar aufs Land zu gehen. Gewiß handelt es sich hier um eine Einstellung, die aus der soziologischen Struktur und bisherigen Lebensweise der Juden in Deutschland reicht verständlich wird — um so notwendiger aber ist die bewußte willensmäßigc Korrektur dieser natürlichen Nei* gung. Gerade weil die Berufsumschichtung für viele Tausende unserer Auswanderer aus Gründen des Alters, der körperlichen Eignung usw. nicht mehr in Frage kommt, ist eine bessere räumliche Verteilung der Einwanderer bei dem Ueberwiegen kaufmännischer und intellektueller Berufe doppelt notwendig. Trotzdem ist es eine in fast sämtlichen Einwanderungsländern immer wieder be* obachtete Erscheinung, daß die Mehrzahl der aus Deutschland ein* gewanderten Juden sich in den größten Städten zusammenballt — in Johannesburg und Kapstadt, in Buenos Aires, in Rio de Janeiro und Sao Paulo und vor allem natürlich in New York — und schwer zu bewegen ist, auch nur in andere Großstädte, geschweige denn in kleine Städte oder Dörfer abzuwandern, selbst wenn dort die Erwerbsmöglichkeiten wesentlich besser sind. Die Folgen dieses Verhaltens für die jüdische Gesamtheit sind ernst. Denn durch das Zusammenströmen vieler Hunderte oder Tausende unserer Menschen an einem Ort ergibt sich meist die Unmöglichkeit, sie mit Hilfe der dort bestehenden jüdischen Gemeinden und Komi* tees alle unterzubringen — selbst wenn die wirtschaftlichen Ver» hältnisse des Landes bzw. der Hauptstadt noch so gut sind. Hier» durch werden die meist ohnehin allzu knappen Mittel der Komitees bis zum Aeußersten angespannt, während gleichzeitig auch die seelische Hilfsbereitschaft der einheimischen Juden durch das ihnen unverständliche Verhalten der Eingewanderten ungünstig beein« flußt wird. Vor allem aber drückt die verschärfte Konkurrenz der Eingewanderten untereinander die Löhne in den Berufen, denen sie meist angehören, wesentlich herab, und alle diese Verhältnisse tragen zusammen dazu bei, daß sich auch die Stimmung der ein* heimischen Bevölkerung und der Regierung gegen die jüdische Einwanderung verschlechtert.-' Aus diesen Gründen muß von un* scren Auswanderern nachdrücklich gefordert werden, daß sie sich innerlich bereit machen, auch in mittleren oder kleineren Ortschaften zu leben und, statt die größten Gemeinden womöglich noch mehr zu überlaufen, neue Gemeinden zu gründen oder klci* neren durch ihre Tatkraft einen neuen Aufschwung zuygeben. Unsere Menschen müssen sich vor Augen halten, daß auch viele der heute blühendsten jüdischen Gemeinden in Uebcrscc von ei* nigen wenigen Pioniernaturen gegründet worden sind, die vor Jahrzehnten, und oft unter sehr viel schwierigeren Verhältnissen als den heutigen, den Mut hatten, sich von der großen Masse loszureißen, voranzugehen und anderen neue Wege zu bahnen. 2. Mit der geschilderten Neigung unserer Auswanderer, dorthin zu gehen, wo schon möglichst viele Juden aus Deutschland leben, und sich in ihrem Kreis aufzuhalten, steht ein anderer Kardinal» fehler unserer Menschen im Zusammenhang: ihre mangelnde Encr* gic bei der Erlernung der Landessprache. Freilich zeigt sich dieser Fehler auch schon in hohem Maße bei der Vorbereitung der Aus* Wanderung in' Deutschland selbst. Viele Tausendc unserer Mcn* sehen, denen innerlich längst klar ist, daß sie über kurz oder lang auswandern müssen, ja die oft auch schon alle notwendigen wirtschaftlichen Vorbereitungen getroffen haben, halten die Erlernung der künftigen Landessprache für eine „spätere Sorge". Viele verlassen sich darauf, daß man Sprachen ja eigentlich doch erst im Lande selbst richtig lerne, und fangen deshalb in Deutschland erst gar nicht damit an '— ein verhängnisvoller Irrtum, da es jeden Einwanderer wohl ausnahmslos schwere wirtschaftliche Opfer kostet, wenn er ohne Kenntnis der Umgangs* spräche im neuen Lande ankommt. Daß insbesondere bei kauf« männischen und intellektuellen Berufen die Beherrschung der

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