Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 1 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 1 Sühnetag / von Fritz Rosenthal. Mein Gott! Ich hebe meine Hände In deiner Himmel Ewigkeit. — O lösche meiner Seele Brände, Um dieser Stunde Heiligkeit. Daß ich mich ganz verschwenden möge In deines Volkes großem Bußchoral Und mit den Flammenworten flöge Zu deiner Gnade Säulensaal. Erkenne den, der oft verkannte Dich, deines Cherubs Flügelschlag, Leer kehr ich heim, der Gottverbannte, An deinem hohen Sühnetag. Der Hornruf tönt: Adonai hält Gericht Und mustert furchtbar seine Herde, Ich stehe nackt vor dir, verwirf mich nicht Und miß das meine mit dem Maß der Erde. Der Festmonat Tischri Von Rabbiner Dr. H Es ist eine Eigentümlichkeit des jüdischen Kalenders, daß in einem seiner Monate die Festtage besonders gehäuft sind. Vielleicht ist diese Tatsache in der Eigentümlichkeit des bäuerlichen Lebens begründet. Gewiß war in dern heiligen Lande nach beendeter Ernte, die sicherlich ein wochenlanges intensives Arbeiten notwendig machte, das Bedürfnis nach körperlicher und geistiger Erholung besonders groß. Wic'^dem aber auch sein mag, dieser Festmonat gibt in seiner Mannigfaltigkeit\von Eindrücken, von Stimmungen, von seelischen Erlebnissen uns das rechte Bild jüdisch»religiösen Empfindens. Es ist ein zwiefacher Weg, auf dem die Religion uns zu unserem Gotte führt. Der heilige und tiefe Ernst der jomim noroim, der uns Ehrfurcht vor dem Ewigen einflößenden Tage, läßt das religiöse Empfinden, das im Leben des Alltags so leicht verschüttet >>vird, das in der Sorge des Berufslebens sich oft zurückdrängen lassen muß, aufs Neue in uns erwachen und auf» leben. Das liebliche Succothfcst mit »seinem ganz anderefl Fest» charakter, dieses Fest, das in ganz besonderem Maße das Gebot: „Du sollst Dich freuen .an Deinem Feste" erfüllen will, führt uns auf einem anderen Weg zu unserem Gotte. Wir sollen uns all der herrlichen Gaben und des Segens bewußt seih, den wir aus seiner Hand empfangen. Die ernsten Feste des kommenden Monats haben ihren Höhepunkt im Gotteshause. Die altehrwürdigen Me» lodien, die an diesen Tagen in unseren Gotteshäusern erklingen und die überall gehört werden, soweit jüdische Sänger und Chöre ihren Gesang zum Lobe Gottes erschallen lassen, stimmen schon durch ihre ernst»getragene Weise uns Alle zu besinnlicher Andacht, und es gibt wohl keinen weihevolleren Augenblick im jüdischen Gottesdienst als jenen, da wir vor 'geöffneter heiliger Lade in den Staub sinken in weihevoller Huldigung, die wir/dem König der Könige darbringen Das Succothfcst dagegen hat seinen Höhepunkt in der Familienfeier. Wenn Alt und Jung sich der bunten Pracht der Hütte freut und fröhliche Sangesweisen aus den nicht immer geschulten Kehlen erklingen, dann ist das ein Gottesdienst zu Ehren des Höchsten, der an Weihe und tiefer innerer Ergriffenheit iener Stunde im Gotteshausc nicht nachzustehen braucht. Das ist vielleicht die bedeutsamste Lehre, die der Festmonat uns( gibt. Reli* giöse Stimmung kann auf ganz verschiedene Weise von uns erlebt werden. Religion ist etwas vielseitiges, in mannigfachster Form uns packend und ergreifend. Dem Juden soll das ganze Leben ein Dienst Gottes bedeuten, darum muß auch das Alltäglichste und Profanste durch den inneren religiösen Gehalt, den wir bei» steuern sollen, eine bestimmte Weihe lempfangen können. Viele Religionen kennen nur einen abgegrenzten heiligen Bezirk, nur innerhalb dieses Bezirks spiclcrr sich die Formen des religiösen Lebens ab. Das Judentum aber will uns lchrch, daß wir nicht nur in bestimmten Stunden, zu denen das Gotteshaus uns einlädt, religiös empfinden und religiös handeln sollen, unser Leben soll in jedem Augenblick davon zeugen, wie stark in uns der Gedanke an Gott lebt. Die Lehre von Sünde und Sühne, die Gedanken von der Vergänglichkeit des Menschen, von der Flüchtigkeit unseres Daseins haben in jeder Religion die ihnen zugemessene Bedeutung. Von diesen Gedanken sind unsere ernsten Festtage beherrscht. Die Lehrer des Judentums sind viel zu praktische Menschen ge» wesen, als daß sie hätten annehmen können, daß der Mensch stets auf dem Kothurn hoher Gedanken einherschreiten könnte. «f i 1 b r o n n* Nürnberg. Ihnen schwebt ein ganz anderes Ideal vor. Der Mensch sollte die Weihe, nach der sich sein Herz sehnte und die ihm zu teil ward, in den Alltag mitnehmen. Daher gibt es keine Minute im mensch* liehen Dasein, die nicht durch einen Segensspruch oder dursh irgend eine fromme Handlung aus dem Alltäglichen herausgehoben werden könnte- Man kann seinem Gott dadurch dienen, daß man in tiefer Ehrfurcht an heiliger Stätte niederfällt, man kann ihm aber auch dienen mit der ganzen Freude, mit der man ihm dankt, mit der festlichen Stimmung, die auch durch das Labsal der irdischen Ge* nüsse des Festmahles gehoben und gesteigert wird. Es gibt wohl kaum eine religiöse Wahrheit die an Erhabenheit der sich darin spiegelnden sittlichen Ideen Israels Lehre von der Sühne überträfe. Der Mensch, muß aus eigener Kraft Herr seiner Schuld werden, nur dem kann verziehen werden, der allen Fehl und alles Unrecht nicht nur durch das Bekenntnis des Wortes, sondern auch durch die Tat wieder gut macht. Einen ganzen Tag lang geben wir uns diesem Gedanken hin, in allen möglichen Variationen begegnet er uns im Bibel» und im Gebeteswort des hochheiligen Tages. Aber kaum ist dieser Tag, der von uns mit Recht als ein Tag der Kasteiung gefeiert wird, weil irdisches Verlangen in uns über* mächtig wurde, sind wir gestrauchelt, kaum ist dieser Tag vergangen, da fordert das Leben wieder sein gebieterisches Recht, dem Fest der Entsagung folgt das Fest der Freude, noch immer ist diese' Freude ohne irdische Genüsse nicht denkbar. Aber wie der Mensch genießen soll, wie er die Freuden, die ihm vergönnt sind, aus* schöpfen soll, das lehrt wiederum Israels Religion durch das Suc» cothfest. Genieße mit Maß, genieße, aber vergiß Deinen Dank nicht dem abzustatten, der Dir allen irdischen und himmlischen Segen spendet, der Dir das Brot zur Nahrung gegeben hat, der Dich beschenkt hat mit all der Pracht der Früchte, daß Dein Mund sich daran labe und Dein Auge an ihrem Anblicke sich erfreue. Aber nicht nur das Brot hat er Dir gegeben. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Munde Gottes hervorgeht. Ebtnso wesentlich für den Menschen wie die körper* liehe Nahrung ist auch die des Geistes. Wenn wir uns des Ernten segens erfreuen, mit dem Gottes Gnade uns bedacht hät, wenn wfr des ewigen Kreislaufes der Natur uns bewußt am, Succothfeste unser Gebet zu Gott emporsenden, daß er auch im kommenden Jahre unsere Fluren segne — ernste Gedanken der jomim noroim mischen sich ganz merkwürdig mit der Freude der frohen Festtage — so schließen wir die Festesreihe mit dem Tage, der der Freude am Gotteswort gewidmet ist. Denn diese Thora ist die Grundlage alles religiösen 'Lebens, das in so bunten Bildern in unserem Festmonat uns sich darstellt. Möchten sie in gewohnter Weise uns packen und uns, wie alljährlich, mitreißen! So schließt sich der Kreis der Feste. Am ersten Festtage feiern wir die Erinnerung an die Geburtsstunden der Wdt. Gott der Herr hat sie ins Dasein gerufen und mit den ersten Menschen zugleich die Kette all -der nachfolgenden Geschlechter geweckt, am letzten Festtage feiern wir die Lehre. Durch sie wurde die auf Recht und Gerechtigkeit, auf Liebe und sozialem Verständnis be< ruhende Menschheit begründet. Weltenschöpfung und Sinaiwort — das sind die gewaltigen Offenbarungen, mit deren Erinnerung unser Festmonat anhebt und mit der er ausklingt.'