Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1915
- Issue
- 37 (9.1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 588 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Stadt Posen kann als Musterbeispiel für den rapiden Schwund der jüdischen Bevölkerung in den Ostprovinzen dienen. Vor vierzig, fünfzig Jahren noch machten die Juden in der Stadt Posen 20 vom Hundert der Bevölkerung aus, heute sind es kaum mehrnoch als 3—4 v. Hundert. Und nicht die Schlechtesten waren es, die wegzogen, sondern umgekehrt, gerade Leute mit Kapital, mit Unternehmungslust, mit Tätigkeitsdrang, kurz die Jugend war es, die die Ostprovinzen ständig verlor. Mit dem Auszug der wirtschaftlich Stärkeren ging Hand in Hand die Einschränkungen der Gemeindeausgaben; Gemeinden, die sich bisher einen Rabbiner leisteten, verzichteten in der Folge darauf, so daß auch noch der geringe Rest von Thorakenntnis und Thoraverbreimng, der noch vorhanden war, mit dem Verschwinden des Rabbiners gänzlich aufhörte. Wir haben Gemeinde» im Osten, in denen vor gar nicht langer Zeit zahlreiche min ’noiS sich um den jeweiligen Klausrabbiner scharten und unter besten Führung lehrten und lernten; mit nur sehr geringen Ausnahmen, hat das jetzt fast ganz aufgehört. Das Amrazus und die Unwissenheit in jüdischen Dingen ist demnach überall so groß, daß eine Steigerung wohl kaum noch möglich ist. Uui dieser geistigen Rot zu steuern und um der Thorakenntnis dort wiederum eine Stätte zu bereiten, wo sie einstens in so großer Blüte stand, errichtete die „Freie Vereinigung" ende 1910 ein eigenes Büro in der Stadt Posen, besten Leitung Herrn Rabbiner Dr. de Haas übertragen wurde. Das Büro hatte das Ziel in den Provinzen Posen, Ost- und Westpreußen, Brandenburg, neuerdings auch Pommern, neben der Aufgabe, wo die Lage der gesinnungsgenössischen Kreise ein besonderes Eingreifen erforderte, dieJnterestender „Freien Vereinigung" zu vertreten,— hauptsächlich den kleinen und kleinsten Gemeinden, wohin der Einfluß der vielen trefflichen Rabbiner, die wir im Osten haben, nicht reicht, durch belehrende Vorträge, Aufklärung und Wisten über Juden und Judentum kostenlos zu übermitteln. Ein Komitee, dem u. a. Männer wie Kommerzienrat Marx, Königsberg, Dr. Calvary, Posen, Dr. Biberfeld, Dr. Hildesheimer, Dr. Munk, und Sally Guggenheim in Berlin, Aron Kober, Breslau und Bankier Loewy, Rawitsch angehören, überwachten und unterstützten die segensreiche Arbeit des Rabb. Dr. de Haas. Kein Mitgliederfang wurde getrieben, auch nicht ausschließliche Propaganda für die orthodoxe Sache war das Endziel, das alte, Jahrtausende alte Streben sollte neues Leben erhalten: iöSSi nobS lehren und lernen. Um nur eins herauszugreifen, war es sehr notwendig, die kleinen und kleinsten Gemeinden aufzuklären, daß die von den früheren Generationen mit so großen Kosten errichteten niKTpo keineswegs znm Holzkeller bestimmt sind — daß sie vielmehr für uns Juden, eine große, gewalttge religiöse Bedeutung haben. Die aufklärenden Vorträge hatten denn auch den Erfolg, daß die Gemeindeführer aufmerksam wurden und nicht mehr spöttisch lächelten, wenn man nach der Mikwoh fragte. Mehr als 50 Ortsgruppen der „Freien Vereinigung" sind in der Provinz Posen allein in den ersten Jahren ins Leben gerufen worden. Größer aber noch als dieses äußerliche Wachstum, war der erzielte moralische