Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1915
- Issue
- 37 (9.1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 586 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Aufforderung nicht ungehört und unerhört verhallen. Dann wird es in aller Welt erkannt, daß es ein und dasselbe Hochziel ist, dem unsere Feste und der Krieg dienen. Zu G'tt zurückgekehrt wird die Menschheit ihre Versöhnung finden, und Friede und Freude bei ihr einkehren, wie aus Rosch Haschonoh der Tag der Versöhnung und das Fest der Freude foigt. Aas Wufsaf öer Jetögrauen. „ . . Und über die Länder wird an ihm verhängt, welches zum Schwerte und welches zum Frieden, welches zur Hungersnot und welches zum Ueberflusse, und die Geschöpfe werden an ihm bedacht, ihrer zu gedenken zum Leben und zum Tode . . . ." Aus alter grauer Zeit klingt dies Schicksalswort unseres Gebetes in eine Gegenwart voll Blut und Grauen und Größe hinein. Es klang so durch manches Jahr des Friedens und der Freiheit, da die Seele mit dem himuielanstrebenden Geiste den Flug in die Höhe mitgeuiacht und sich bereits an der Grenze sonniger, von prophetischem Auge vorausgeschauter Zukuiistslande wähnte. Und nun ist das alte Wort aus dem alten Gebete wieder so lebendig, so inhaltsreich, so schicksalsschwer, wie neu aus der Seele Hunderttausender geboren. Es gilt den Ländern und Völkern, welches zum Schwerte, welches zuni Frieden — — — Betend werden wir von des Schofars Ruf im Geiste zu den Feldern des Weltgerichts in Ost und West geleitet, wo aus gewaltigen ehernen Schlünden das gleiche Schicksalswon für Menschen- und Völker dröhnt — „Und über die Länder wird an ihm verhängt . . . ." Ein Tag des heiligen Gedenkens. — So hat ihn die Welt noch nicht gesehen, so haben ihn Generationen noch nicht erlebt, so ganz und unmittelbar unter deur überwältigenden, alles andere Getöne des Lebens überstimmenden Rauschen des g'ttlichen Schicksalsrades.' Noch nie hatte das Gedenken des Tages so sehr seine eigene Note, seine eigene Weihe. Sehen wir doch fast leibhaftig vor uns das Auf und Nieder der Schicksalswage, in deren Schalen Leben und Tod, Wohl und Weh, warme Lenzessonne und düstere Grabesschatten für Huuderuausende liegen. Da erzittert die Seele in heiligem Schauer, erbebt das Herz in banger Angst um den Sohn, den Gatten, den Bruder, den Freund, der, auf jenen blutgetränkten Feldern des Völkergerichts mit ein Teil der g'ttlichen Kraft sein darf, die die Welt durch Kampf und Not zu Siege bringen soll. Was dort aus eherneni Munde dröhnt, die todbringende Waffe mit Feuerzunge spricht, ist es nicht im Grunde das gleiche, stille, fromme, bescheidene, Weltschmerz und Welthoffnnng atuiende Gebet unserer Synagoge? Die Seele der Weltkultür, für die wir beten, für die wir kämpfen.