Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1915
- Issue
- 37 (9.1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 582 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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582 Me jüdischen Jesttage und der Krieg. Ein volles Jahr ist es her, seitdem der „Volksbote" seine Freunde nicht mehr besuchte. Er hat Bedenken getragen in dieser furchtbaren Zeit die verständnisvolle Aufnahme zu finden, deren er sich sonst erfreute. Aber zu den hohen, heutigen Tischri-Festen, drängt es ihn, seinen alten Freunden den Jom-tow-Gruß zu bringen. Der furchtbare Ernst der Zeit soll ihn davon nicht zurückhalten. Es sind ja auch in gewöhnlichen Zeiten, „furchtbare Tage" o'trrai o'tr, welche unsere Feste einleiten. Und wenn sie es dieses Jahr noch in höherem Grade sind, so ist es vielleicht gerade der schwere Ernst der Zeit, der die Geister und Gemüter empfänglicher für ein gutgemeintes, aufrichtiges Freundeswort macht. Denn alle bedürfen wir der Aufrichtung. Gibt es doch keine Gemeinde, kein Haus, keinen, welchem der Krieg keine Wunden geschlagen, und noch täglich schlägt. Und Wunden schmerzen immer, auch auf Seiten des Siegers. Da erfahren wir nun an unS selber, mit welch wundensüllendem Balsam, mit welcher Fülle von Trost und Beseligung der Vater der Menschheit gerade unsere Feste ausgestattet hat. Wer sie nicht aus eigenem Erleben kennt, mag das bloße Feiern von Festen in einer trüben Zeit, wie die unsrige, als einen Mißton empfinden. Wer aber weiß, was uns diese Feste sind, der hat es an sich erfahren, wie sie jeder Zeit entsprechen, wie sie, weit davon entfernt, einen Gegensatz zu bilden zu dem, was der Tag uns Heiteres und Ernstes bietet, in Wirklichkeit dem Leben des Tages erst die rechte Vertiefung und Würdigung bringen, und uns so mit allem Trüben und Schweren des täglichen Lebens aussöhnen. Leben und Tod, Fülle und Mangel, Krieg uud Frieden, das Geschick ganzer Staaten und jeder Einzelpersönlichkeit, das sind doch die Anliegen, welchen unser tägliches Hoffen und Fürchten unabläßlich galt und gUt. Das sind aber auch die^Gedanken und Empfindungen, mit welchen unsere Feste am Rosch Haschonoh die neue Jahresspanne einleiten. Was uns das vergangene Jahr gebracht. waS uns das Künftige bringen wird, am Rosch Haschonoh wurde und wird es nvon bpi mmon bp „über die Länder und über die Geschöpfe" geschrieben und am Jom Kippur besiegelt: Wie viele dahin gehen sollen, Und wie viele geschaffen werden sollen, Wer leben und wer sterben soll. Wer am Ende seiner Bessimmung und wer nicht am Ende seiner Bestimmung, Wer durch Feuer, wer durch Waffer, Wer durch Schwert, wer durch Hunger, Wer im Sturm, wer durch Krankheit (umkommen soll), Wer i«r^3dlhe, wer in Ruhelosigkeit leben, Wer ein sorgloses, wer ein zerriffenes,