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Jüdischer Volksbote · 1914-10-01 · 36 (10.1914) · p. Seite 565

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1914
Issue
36 (10.1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 565 (sequence 11)
Language
German
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565 In unser» Bußgebeten rufen wir wiederholt aus: „Wir schämen uns, Herr, unser Haupt zu dir zu erheben." Denn sehr oft klingen die Gebete, die wir verrichten, die Wünsche, die wir hegen, das Verlangen, nach dessen Erfüllung wir uns sehnen, wie eine Selbstanklage. Unser erstes Gebet lautet: verzeihe und vergib unsere Schuld und Sünde. Klingt eS nicht zuweilen wie eine Selbstanklage? Wie wenige find geneigt, ihren Nebenmenschen ein ihnen gegenüber begangenes Unrecht zu verzeihen und zu vergeben! Gott aber soll ihnen trotzdem verzeihen und ihre Sünden und Vergehen einfach auslöschen und tilgen. Zu Gott beten wir: „Gehe nicht so streng zu Gericht mit uns, weil sonst niemand dir als gerecht erscheinen würde." Handeln wir gegen unsere Nebenmenschen ebenso? Sind wir denn nicht vielmehr geneigt unsere Nächsten zu verdammen und zu verurteilen, häufig ohne Grund und Ursache? Wie können wir es wagen, von Gott etwas zu verlangen, was wir unserm Nebenmenschen unbarmherzig versagen? Wie viele lassen keinen Armen und Notleidenden vor — aus „Prinzip"; wie manchen ist cs ein leichtes, einen Hilfesuchenden schroff abzuweisen, ohne seine Bitte anznhören, geschweige denn sie zu erfüllen. Und nun kommen sie ins Gotteshaus und beten und flehen zu Gott: „Laß uns nicht leer ausgehen vor dir." Klingt es nicht wie eine Selbstanklage? Oder klingt es nicht wie Spott und Hohn, wenn manche, die fast darauf auszugehen scheinen, den Frieden zu stören, sei es in Familien, sei es unter Freunden oder auch in der Gemeinde — wie sie dann.um aite „Frieden" beten und um die Segnungen des Friedens zu Gott flehen? Alle beten um rone „um Existenz und Nahrung." Aber wie viele gibt es, die ihrem Nebenmenschen den Bissen vom Munde wegnehmen, seine Existenz untergraben, seinen Nahrungszweig vernichten, bald aus „geschäftlichen Rücksichten", die man Konkurrenz nennt, bald ans Neid, Bosheit und Tücke? Wir beten ferner: Gott möge das Ansehen seines Volkes Israel heben. Und trotzdem gibt es manche, die sich nicht scheuen, den Namen ihres Volkes, den Namen Israels und des Judentums zu entweihen und zu entwürdigen. Es gibt daher nur ein Mittel, unserm Gebete Erhörung zu verschaffen: so zu handeln, wie wir es von Gott wünschen, daß er gegen uns verfahre. Wer Leben wünscht soll andere leben lassen; wer um Nahrung bittet, soll niemanden in seiner Existenz schaden; wer den Frieden sich und den seinigen wünscht, soll den Frieden

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