Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1914
- Issue
- 36 (10.1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 564 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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564 fiel unbarmherzig seiner Rache. Bitten, Flehen, Klagen und Tränen von Müttern und Kindern, von Vätern und Geschwistern, von Kran»!en, Schwachen 'und Greisen blieben fruchtlos; nichts vermochte ihn zu rühren und sein Herz zu erweichen. Wer bei ihm in Ungnade fiel, ob schuldig oder unschuldig, war unrettbar verloren. In demselben Lande lebte aber ein mächtiger König, deffen Güte und Milde von allen Untertanen in allen Tonarten gepriesen wurde. Als er von der Grausamkeit des Fürsten, der ihm untertan war, vernahm, beschloß er, ihn empfindlich zu strafen. Er befahl, des Fürsten einzigen Sohn in den Kerker zu werfen und einem Verbrecher gleich in seiner Gefangenschaft zu behandeln. Als der Fürst vom traurigen Geschick seines einzigen Sohnes, seines Lieblings- und Schmerzenskindes, vernahm, eilte er zum König, warf sich vor ihm nieder, bat, flehte und beschwor ihn händeringend um Schonung und Gnade. Allein vergebens. Der König ließ sich nicht enveichen. Da eilte auch die Gattin des Fürsten herbei und warf sich ebenfalls vor den Füßen des Königs nieder und begann ebenfalls unter Weinen und Schluchzen für ihr unglückliches, einziges Kind zu bitten und zu flehen, aber ebenfalls vergebens. Der König ließ sich nicht erweichen. Da begann der Fürst von neuem: „Erhabener König! Das ganze Land preist deine Güte und Milde, dein edles Herz und deine edlen Taten. Wenn du schon mit mir und meinem unschuldigen Kinde kein'Mitleid empfindest, so erbarme dich doch wenigstens dieses unglücklichen Weibes, dieser armen Mutter, die da herzzerreißend bittet für ihr einziges Kind, das sie so schwer geboren und erzogen hat, und das ihr einziges Glück auf Erden bildet." Da lächelte der König und sprach: „Wie oft, mein Fürst, hast du die Worte, die du soeben sprachest, gehört. Wie oft haben unglückliche Frauen und Mütter, wie oft haben unschuldige Kinder, Kranke, entnervte Greise zu dir so gesprochen und dich so gefleht, ohne Gnade in deinen Augen zu finden, ohne dein versteinertes Herz zu rühren und zu erweichen. Wie soll ich mit dir Mitleid empfinden, der du mit niemandem Mitleid empfunden hast. Wie soll ich dir die Gnade erweisen, die du andern aus Bosheit und Roheit versagest? Und dann, mein Fürst..., klingen nicht deine Worte wie eine Selbstanklage? Von mir verlangst du, die Gefühle einer unglücklichen Mutter, eines unschuldigen Kindes zu schonen, du aber warst grausam gegen beide und schontest weder Mutter noch Kind."