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Jüdischer Volksbote · 1914-10-01 · 36 (10.1914) · p. Seite 562

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1914
Issue
36 (10.1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 562 (sequence 8)
Language
German
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562 morgen habe ich wieder Brot". „Er ist doch kein Jude?, Diese habe» gebotene Fasttage". „Gnädiger Herr, allerdings bin ich Jude". „Wie kommt das? die Judeu zahlen doch für jeden gezogenen Mann ein Aversum an die Kriegskaffe?" „Mein Vater ist Einläger') iu W. Da sagten die Gemeinden,: Wir seien nicht einheimisch, die Kaffe sei nicht für uns^ übrigens diene ich meinem König gern". „Wie stark ist seine Familie, und mit was nährt Ihr Euch?" „Früher, als noch der Judenleibzoll war, und wenn der Jude diese Abgabe entrichtet gehabt hatte, konnte er ungehindert mit seinem Kram hausieren. Wir handelten mit Kurzwaren r Bändel, Faden, Knöpfen, Nadeln, Brillen und dergl. und erhielten uns s» ziemlich gut; jetzt hat dies aufgehört. Mein Vater sucht durch Botengänge, und durch Kommiffiouen, meine Mutter und Schwester durch Aushilfe in Haushaltungen, durch Kranken- und Wöchneriunenpflege etwas zu verdienen, es geht aber öfters knapp her". „Glaubt er sich und seine Eltern substiren zu können, wenn ihm das- Hausieren erlaubt würde?" „Ja, gewiß, gnädiger Herr, wir wiffen uns zu begnügen". Hierauf sprach der König etwas in einer fremden Sprache, wahrscheinlich französisch, mit dem General. Dieser zog eiu unbeschriebenes Blatt aus seiner Brieftasche und schrieb mit einem Bleistift darauf und übergab es dem König. Dieser schrieb darunter, falzte es und übergab es dem Soldaten mit den den Worten: „Dies trag er auf die Kriegskanzlei, und warte er bei Götsch, auf den Erfolg". Götsch, oder gewöhnlich Götsch Freudenthal, war Hoffaktor, eilt Mann von sehr humoristischer Natur, durch seinen treffenden Witz eine beliebte Person bei Hofe, besonders bei dem Könige; übrigens ein wahrer Jehudi vom alten Schlage. Unser Soldat wurde auf der Kriegskanzlei von dem Kanzleidiener wie gewöhnlich mit den Worten: „Was, will er? Was hat er?" empfängen. „Ein Herr hat iu der neuen Anlage mir dieses gegeben, ich soll es auf die Kriegskanzlei tragen." „Geb er her!" Da das Billet nicht versiegelt war und keine Aufschrift trug, las es der Kauzleidiener und wardhöflicher. — „Warten Sie einen Augenblick, ich will Sie bei Sr. Excellenz melden." Nach kurzer Zeit kam er wieder. „Sie könne» bei Sr. ExcellenL eintreten." — Der Minister: „Wo hat er den König gesprochen?" *) Einläger waren solche Heimatlose, die dahin verwiesen wurden, wo sie geboren oder kopullrt wurden.

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