Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1914
- Issue
- 35 (8.1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 542 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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542 über die Erziehung im Allgemeinen entwickelten Grundsätze; sie paffe sich der Individualität des Kindes an und wiffe sich weise zu beschränken; sie sei vorwiegend negativer Art und suche sich nicht zu überhasten. Als warnendes Beispiel einer solchen unvernünftigen Methode steht mir die Erziehung vor Augen, welche ein sehr würdiger, ernst religiöser Mter seinen Kindern hat angedeihen laffen. Derselbe kannte kein höheres Ziel, als seine Söhne zu wackeren frommen Juden zu erziehen, und. er hat dasselbe trotz des redlichsten Eifers bei keinem seiner Kinder erreicht. „Das Judentum muß in ihr Fleisch und Blut übergehen', pflegte er zu sagen; „es mutz ihnen zur zweiten Natur werden, und deshalb kann man nicht früh genug und nicht strenge genug sie an die Uebung aller religiösen Pflichten gewöhnen'. Mit eiserner Konsequenz hielt er darauf, daß seine Söhne schon im zartesten Alter pünktlich beim Beginn des Morgengottesdienstes in der Synagoge waren. Derjenige, welcher sich verspätete, wurde mit der Vorenthaltung des Frühstücks um eine Stunde bestraft. Die kleinen fünf- und sechsjährigen Kinder mußten bereits die ganze Liturgie regelmäßig beten. In etwas vorgerücktem Alter wurden sie genötigt, ganze Teile der Bibel auswendig zu lernen u. s. w. u. s. w. Heilte sind die Kinder erwachsen, aber kein Einziges denkt noch daran, auch nur eine einzige der religiösen Pflichten zu erfüllen. Sie haben einen Widerwillen gegen das Judentum und seine Gebote, an deren Befolgung sich für sie die trübe Erinnerung ihrer Kindheit knüpft. Freilich mögen noch andere Momente mitgewirft haben, sie dem väterlichen Beispiel zu entfremden, aber ich glaube bestimmt, daß die vornehmlichste Ursache in dem unweisen Verfahren des Vaters zu suchen ist. Wenn die Erzielung eines freudigen Gehorsams das Haupterfordernis einer guten Erziehung überhaupt ist, so ganz besonders der religiösen. Das Kind soll gern seinen Willen dem göttlichen unterordnen, soll willig das Opfer seiner Freiheit dem Religionsgebote leisten. Wie sollte es sich aber für ein solches gewinnen laffen, wenn die Aufgabe seine Kraft übersteigt und die Feffel ihm zu schwer und drückend ist? Würde, um in dem angeführten Beispiele zu bleiben, nicht jener Vater vernünftiger, weil zweckentsprechender, gehandelt haben, wenn er sich darauf beschränkt hätte, die kleinen Kinder statt der umfangreichen Gebete, für welche ein Verständnis in keiner Weise vorausgesetzt werden konnte, nach herkömmlicher Weise einige Sätze beten zu laffen? Mich wenigstens hat die Erfahrung gelehrt, daß Kinder sich sehr gern denjenigen religiösen Uebungen mit Freudigkeit widmen, welche ihrem Vermögen angemessen find, und mit dem zunehmenden Alter von selbst danach begehren, daß man ihnen umfassendere Pflichten auserlegt. Denn Hand in Hand mit der frühen Gewöhnung hat die ebenso frühe Einwirkung auf das Gemüt- und Geistesleben des Kindes auch kür die religiöse Erziehung zu gehen. Das Bewußtsein von Gott als