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Jüdischer Volksbote · 1914-06-01 · 34 (6.1914) · p. Seite 523

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1914
Issue
34 (6.1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 523 (sequence 9)
Language
German
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523 Menschen über die Gestaltung aller menschlichen Verhältnisse nach dem göttlichen Willen ist. Das Judentum gewährt die göttliche Norm für alle Beziehungen unsere« hieniebigen Daseins, es richtet seine Lehren und Gesetze für die von dem Menschen zu vollziehende Gestaltung seines Gedanken» und Tatenlebens an den Sterblichen und verlangt, dah wir sie uns zu eigen machen und erfüllen. Es will unser inneres Wesen läutern und heüigen, und unsere Handlungen regeln, daß wir die Erde zu einem Heiligtume machen, damit Gott unter uns weile, daß »Er in unserer Mitte wohne-, daß wir Kopf u»d Herz und Hand Ihm, und nur Ihm allein, weihen. Wenn darum für jeden Erziehungszweck ein frühes Gewöhnen, ein mustergültiges Beispiel und eine weise Belehrung erforderlich ist. so gewiß bei dem Erziehungsgeschäft, welches die Heranbildung der jungen Menschenknospe zum Juden als einziges Ziel sich gesteckt. II. . »Du darfst heute keine Blume pflücken, Kind, heute ist Sabbat", sprach eine Mutter zu ihrem vierjährigen Söhnchen, welches sich eben niedergebückt hatte, um ein am Wege stehendes Veilchen zu brechen. »Wie kann man aber so rigoros sein", meinte deren Begleiterin; »lassen sie doch dem Kleinen die unschuldige Freude. Er begeht doch wahrlich keine Sünde damit. Es wird noch Zeit sein, ihn mit allen lästigen Verboten bekannt zu machen, wenn er älter ist. Mein Marin ist auch ganz entsetzlich fromm und meint, er müsse fortwährend den Kindern am Sabbat jede kleinste Uebertrelung wehren. Als ob Gott daran ein Wohlgefallen haben könnte, wenn man die Kleinen in die Zwangsjacke preßt; genug, daß wir Großen uns nun einmal darin befinden. Sie wissen, ich denke über religiöse Dinge freier, aber meinem Manne zu Gefallen habe ich mich in Alles gefügt. Hier habe ich ihm jedoch Widerstand geleistet und ihm erklärt, daß ich es nicht über das Herz bringen könnte, den kleinen Kindern, welche doch wahrlich nichts Böses beabsichtigen, den Sabbat durch unausgesetztes Verbieten zu ver« gällen. Wenn sie erwachsener find, dann mag der Vater sie an die gleiche ängstliche religiöse Peinlichkeit gewöhnen; solange sie speziell unter meiner Aufsicht stehen, lege ich ihrer reizenden Harmlosigkeit keine Fessel an". »Ich müßte mich aber doch sehr irren", erwiderte die Angeredete, »wenn Sie nicht trotz dieses sv bestimmt ausgesprochenen Grundsatzes täglich und stündlich der kindlichen Unschuld in ihrer Willensäußerung hemmend entgegentreten würden. Ist denn Ihre Erziehung nicht im Grunde eine solche Fessel? Wenn Ihre Kleinen in heiterer Lust sich tummeln und in reizender Harmlosigkeit der Umgebung nicht gedenken, welcher der laute Jubel und der fröhliche Lärm höchst unbequem ist, oder wenn sie in köstlicher Naivität bei ihren Spielen der schuldigen Rücksicht auf die Bekleidung vergessen und Ihnen mit beschmutzten und zerrissenen Gewändern unter die Augen treten, pflegen Sie sie dann

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