Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1914-04-01 · 33 (4.1914) · p. Seite 500

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1914
Issue
33 (4.1914)
Date
1914-04-01
Page
Seite 500 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4903180-5965947-5965990--712-4903849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

500 der geistigen Erhebung gewidmet und diene auch dem Genüsse; aber dieser Genuß selbst sei rtb, er soll geadelt sein durch das Bewußtsein, daß alles nur geschieht, um daS Gebot Gottes zu erfüllen, um ihm für seine unendlichen Wohltaten zu danken, und so wird das Fest in Wahrheit t6 mxon an eine Feier dem Ewigen zu Ehren. U. Ginige Winke für Kessnch. Keines unserer Feste stellt solche Ansprüche an uns, als unser Pessachfest- Es kehrt das ganze Haus von der höchsten Giebelfirst bis in die tiefste Kellerluke um, damit alles sorgfältig vorbereitet sei für die Stunde unseres Stiftungsfestes, wenn der König aller Könige wieder in seiner Herrlichkeit erscheint und prüfend auf die ungezählten jüdischen Familiengruppen herniederschaut, die in Nord und Süd, in Ost und West, diesseits und jenseits des Ozeans sich in dieser Nacht zusammenfinden, um ihr Freiheitsfest zu feiern. Und das Wunder, das sich vor Jahrtausenden vollzog, vollzieht sich alljährlich in dieser Nacht. Politischer und sozialer Druck, die Sorge um die Erhaltung eines kärglichen Daseins, jocht die Kinder Israels, jahrein, jahraus in eine Knechtschaft, die oft die ägyptische erreicht, wenn nicht übersteigt. Aber wenn mit dem Pessach der Heilige gesegnet sei Er, einzieht bei seinem Volke, das ihm aus Millionen Herzen entgegen jubelt, dann wandelt diese nrset diese Offenbarung der Herrlichkeit Gottes jede Hütte in einen Festsaal, jeden Bettler in einen Fürsten um und macht die Armen reich und den Begüterten gleich. Alle brechen sie dasselbe Brot, halten sie dieselbe Festordnung inne, bei ihnen ist die soziale Frage praktisch gelöst, die Kluft zwischen den Besitzenden und den Enterbten klafft in ihrem Kreise nicht mehr. Aber dieses Angebinde, welches das Fest aller Feste uns bringt, will verdient sein, verdient durch gewissenhafte munitiöse Erfüllung aller göttlichen Vorschriften, die sich an die Feier dieses Festes knüpfen. Diese Vorschriften nun allen zum Bewußtsein zu bringen und sie zur gewissenhaften Erfüllung allen in die Seele zu reden, ist selbst eine religiöse Pflicht, die seit undenklichen Zeiten von den Wortführern der jüdischen Gemeinden, durch besondere, belehrende Vorträge in der ganzen Diaspora erfüllt werden. Die Erfüllung dieser Pflicht läßt heute vielfach zu wünschen übrig. Und doch hatte es vielleicht nie eine Zeit gegeben, in welcher diese Pflicht gebieterischer ihr Recht verlangt, als gerade die unsrige, in der so viel gepredigt und so wenig gesagt wird, m welcher die Phrase herrscht und das Gesetz selber mit seinen heutigen Anforderungen kaum zur Geltung oder auch nur zur Erwähnung kommt, weshalb wir ihm wenigstens durch einige Winke genügen möchten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.