Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1914
- Issue
- 32 (2.1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 489 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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489 „«Was kann ein dein Tode Geweihter Euch nützen?"" „Gar wunderbar sind die Wege . der Vorsehung. Der allmächtige Gott kann in einem Augenblicke den gewaltigen Tyrannen stürzen und den Verlorenscheinenden hoch erheben." „„Möge Dein Gott dieses Wunder vollbringen, und ich werde nicht verfehlen. Deinem Volke Gutes zu erweisen."" ) An demselben Tage wurden die Mitglieder des Staatsrats zum Kaiser entboten. Seiner Gewohnheit geinäß, gegen diejenigen, die er zum Opfer seiner Tyrannei ausersehen hatte, besonders liebenswürdig zu sein, empfing der Kaiser Coccejus Nerva auf das Freundlichste. Er ging ihm entgegen, umarmte und küßte ihn. „Aber, mein Nerva", fragte Domitian, „Du blickst so finster und traurig I Sollte dem Teuersten meiner Freunde, der meinsin Herzen am Nächsten steht, etwas Unangenehmes sich ereignet haben?" „„Ich muß wohl traurig sein"", antwortete Nerva, ^„da die Sterne das baldige Ende meiner Lebenszeit verkünden."" „Deine Worte betrüben mich, mein Nerva. Hoffen wir, daß die -Lterne diesmal nicht die Wahrheit verkündet haben, wiewohl sie sonst die Geschicke der Menschen untrüglich vorherzusagen pflegen. Ist Dir auch die Art Deines Todes verkündet worden?" Nerva zog eine Tafel hervor und reichte sie dem Kaiser. „Hier", sagte er, „das Horoskop, welches man an meinem jüngsten Geburtstage in der Stunde meiner Geburt gestellt hat." Domitian nahm die Tafel und betrachtete sie aufmerksam. „In der Tat", sagte er, „die Sterne verkünden Dein baldiges Ende. Allein Dein Stern geht leuchtend und schön und unverdunkelt nieder. Du lvirst in Deinem Bette sterben und ohne Schmerzen die Tage genießen, die Dir noch beschicden sind." Nerva atmete auf. Er kannte den Kaiser genau und hatte aus dessen Worten die Gewißheit geschöpft, daß der Tyrann den Plan, ihn töten zu lassen, aufgegeben habe.