Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1914
- Issue
- 32 (2.1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 483 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4903180-5965947-5965989--694-4903832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
483 fole Israels dahinzustellen. E.nmal ist cs ei» großer, üppiger, plätterreicher Baum, dessen »lächliger Stainui tief in der Erde wurzelt. dessen blühende Aeste und Zweige aber sich der Sonne cnlgegenrecken; es ist ferner ein Baum, der Blüte» ticibt und Früchte zeitigt, die lieblich zum Ansehen, Gott und Menschen erneuen. Dann aber ist es wieder nur ein dünner Weidcnstrauch,' der sich hin- und hcrbewegl, den der Sturm nur beugen, aber nicht knicken kann, der vom Oikane umtobt, sich nur neigt und bedeutsam das Haupt b<>jkgt. während die mächtige» und stämmigen Bäume rings nm ihn bersten und erbarmungslos stürzen. . . . Darum haben Baum und Pflanze auch in unserem Kultus gebührend.' Beachtung, einen Ehrenplatz gefunden. Wir warte» nicht, bis sich erst der Baum in Blütenschnee gehüllt hat, um bei seinem Anblicke segnend des Schöpfers zu gedenken, sondern feiern einfach und still, wie es des Inden Brauch ist, schon mitten im Winter, da des Baumes schlummernde Kräfte im Erdeninnern langsam zu erwachen beginnen, den Jahresanfang, den Gerichtstag für die Bäume und Pflanzen, den nirn pk-i. Wenn aber die Frühlingslüfte durch die Lande wehen und die im Winter gesammelten Kräfte und Säfte auch au der äußerlichen Gestalt des Baumes zum sichtbare» Ausdruck gelangen, da wir das Wunder der Schöpfung nicht mehr nur ahnen und fühlen, sondern mit eigenen Augen iu die große Werkstatt der Natur schauen-dürfen, da ist das erste Gefühl, das erste Wort ei» Dankgebet z» Ihm, der „die k ö st l i ch e n Bäume geschaffen hat, um mit ihnen die M e n s ch e n k i » d e r z n e r fr e uc n". Ist jedoch der Sommer z» Ende, die Zeit der Ernte vorüber, der Baum nach und nach seines Blätterschmuckes entledigt, und die Natur voi bereitet für den langen Winterschlaf, da sind es wiederum Pflanzen, gepaart mit des B a u ni e s F r n ch t, die unser Fest der Ernte schmücken, und die ebenfalls nach Auffassung der weisen Lehrer ein Bild des leidenden und hoffende» Israels darstellen. Nur eine Stelle unserer unvergleichlichen Agadadichtung möge hier noch fcstgehalten werden, da das darin enthaltene Baumbild, wohl für alle Zeilen gezeichnet, doch ganz besonders für die iinsere zutriffl. „Der Baum, dessen Frucht von der jüdischen Religion bevorzugt wird und somit als Baum Israels gelten darf, zeichnet sich von oll den anderen seiner Gattung durch dreifache Eigenalt aus. Stamm und Frucht sind von den gleichen Säften erfüllt und gleichen einander im Duft und Geschmack. Er wächst ferner an jedem Wasser und kann in jeder Gegend gedeihen. Seine dritte Eigenschaft besteht darin, daß er nie kahl und leer, sondern das ganze Jahr hindurch blätierreich und mit edlen Früchten voll beladen dastcht. (Midrasch rabba und Tanchnma zu Emor.)"