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Jüdischer Volksbote · 1913-12-01 · 31 (12.1913) · p. Seite 461

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1913
Issue
31 (12.1913)
Date
1913-12-01
Page
Seite 461 (sequence 7)
Language
German
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461 lernen konnte. In der Jugend hatte er das Seilerhandwerk erlernt und nebenbei ging er zu einem jüdischen Lehrer zum Lernen, das ihm so gut gefiel, daß er durch regen Fleiß bald sich ein großes Wissen aneignete. Es war mir ein Vergnügen, mit dem Manne oft den ganzen Winterabend im „Lernen" zu verbringen. — Ein Kaufmann in den dreißiger Jahren, der in der Jugend in frommen Kreisen verkehrte, ersuchte mich einst, mit ihm am natp und r' eine Stunde Mischnajos zu lernen. Natürlich sagte ich freudig zu. Es dauerte nicht lange, so lernte er selbst am Werktage. Fast täglich war er eine gute Viertelstunde vor Beginn des Gottesdienstes mit seinem Mischnajos zur Stelle. — Das machte Schule. Bald widmete sich auch ein Schwager des Erwähnten mit Lust dem Lernen, dem er zuerst ablehnend gegenüberstand. — Der Sohn eines Viehhändlers aus einer wenig religiösen Gegend und Umgebung kam als Kaufmann in eine Großstadt mit günstiger Lerngelegenheit. Die nützte er aus; er wurde ein musterhafter Jehudi und hochgeachteter Mensch. Nach Geschäftsschluß des Abends nahm er sich kaum Zeit zum Essen. Er eilte zum Lernlokale. Das war ihm eine Erholung und Ausspannung. — Von einem andern jungen Kaufmann. Sohn nicht religiöser Eltern, weiß ich, daß er im Sommer um fünf Uhr aufstand und sich ans Lernen machte, nachdem er an sich es erfahren, wie das Thorastudiumnicht nur den Geist bildet, sondern auch Herz und Gemüt erquickt, 'n nipo aS 'nopo o'nr\ „Gottes Befehle sind gerade, erfreuen das Herz". Nicht umsonst ist dem Trauernden das „Lernen" verboten. Solche Tatsachen sind oft herzerhebend und beweisen die Wahrheit des Wortes ijni 'co narn xb 'a. „Die Gotteslehre wird nie bei Israels Nachkommen in Vergessenheit geraten". — Vielen dürfte auth unbekannt sein, daß wir in Deutschland jetzt Hunderte von Universitätsstudenten haben, welche lernen. In Heidelberg stellten Studenten eigens für sich einen russischen Rabbi an, um bei ihm zu lernen. — Das alles beweist, daß bei uns „gelernt" werden kann, wenn man nur will. Vor allem aber muß die Jugend zum Lernen angehalten werden, wenn das Alter leider oft nicht dafür zu gewinnen ist. Daß es auf diese Art möglich ist, „Lernen" in die Gemeinden zu verpflanzen, beweisen ebenfalls viele Tatsachen. Die Schüler orthodoxer Mittelschulen in deutschen Großstädten lernen nvjpo ,jnr -nxp ja jroa. Auch für die reifere Jugend ist dort eher Fortbildungsgelegenheit geboten. Unendlich trauriger sieht es in den kleinen und mittleren Gemeinden aus. Hier muß sich ein Wandel vollziehen, der teilweise auch eine Abänderung des bisherigen Religio ns-Unterrichts- Systems involviert. Es ist jedem wohl klar und unbestritten wahr, daß der landläufige Religionsunterricht, welcher gewöhnlich Hebräisch Lesen, Gebet- und Chumeschübersetzen, Religionslehre, bibl. Geschichte und Hebräisch Schreiben umfaßt, ein „Lernen" weder bedeutet noch anbahnt. Da entsteht nun die große Frage: Was tun? Die Beantwortung der Frage würde einen starken pädagogischen Einschlag-er-

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