Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 31 (12.1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 460 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 460 — % mündiges Laienpublikum gegenübersteht. Eine geistige Aristokratie ist nicht unser Ideal. .Das ist eben der Fluch der Zeit* ruft Hirsch in seinen .19 Briefen über Judentum' aus, daß das, was Gemeingut sein soll, Stand es eigentum geworden. Das Volk Israel hatte seine groben Geister aus allen Berufsarten und Standesklassen. Stellen Sie sich vor, wie ein armer Holzhacker täglich die Axt weglegte aus der Schwielenhand und den Katheder bestieg, wo Hunderte seinen Worten lauschten, als denen eines der größten Meister in Israel. Das war der berühmte Hillel, auf den wir jetzt noch stolz sind. Ein anderer war Schuhmacher, -i*njon pm* "2-1, wiederum ein anderer Schmiedemeister, nnvr pmr "i; in einem strittigen Falle wurde einst das endgiltige Gesetz, die Halacha, festgestellt nach der Aussage zweier geringer Weber, die am Schultore draußen in Jerusalem hausten. Das möge Ihnen genügen. Sie ersehen daraus, wie bei uns Volk und.min zusammengehören sollen, ein unteilbares Ganzes bilden mögen. Was können die besten Heerführer leisten, wenn nicht hinter ihnen die starke Macht, die kompakte Masse geschulter Truppen steht? Das wissen die heutigen Führer Israels nur zu gut. Und darum muß es ihre erste und höchste Sorge sein: .Wie bringen wir wieder die Thora den breiten Volksmassen näher? Damit komme ich zum zweiten Teil meines Themas: Das „Lernen" in den Gemeinden ist nicht nur eine Notwendigkeit, es ist auch eine Möglichkeit. .Leicht gesagt", wird so mancher skeptisch denken. Unter den heutigen Verhältnissen ist an eine Realisierung dieses Gedankens kaum zu denken. Nun, man kann es ja keinem gerade verargen, wenn er hier etwas pessimistisch .angehaucht ist. Schließlich ist jeder ein Kind seiner Zeit. Ja, ich kann Ihnen sogar verraten, daß lief bis in die Reihen der Lehrer Israels dieser Pessimismus geteilt wird. Man sieht sich unüberwindbaren Hindernissen gegenüber und ergiebt sich resigniert ins Unabänderliche. Ja, noch mehr, ich gestehe, daß zu den Schwarzsehern auf diesem Gebiete auch meine Wenigkeit zählte, jahrelang. Und wenn ich nun mich gemausert habe, so möchte ich Ihnen kurz die Erfahrungen darlegen, auf Grund deren ich zur glücklichen Ueberwindung des — ich muß sagen — höchst bedauerlichen und sehr bedenklichen früheren Standpunktes gelangte. Darum will ich Ihnen einige kleine Geschichten erzählen. So was hört man ja gerne. Auf einer meiner früheren Stellen sah ich, wie ein religiöser Geschäftsmann am Sabbath mit seinem ältesten Sohne Mischnajos lernte. So sympatisch mich das berührte, so beschämend empfand ich es, als Lehrer nicht zu gleich hohen Zielen gestrebt zu haben. Als Entschuldigung vor dem eigenen Gewissen mochte dienen, mau stehe ganz im Banne der Form des modernen Religionsunterrichtes, wie er nun einmal heutzutage gang und gäbe ist. Ferner lernte ich einem Viehhändler kennen, der nicht nur lernen, sondern sogar recht gut