Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 31 (12.1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 458 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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458 Tausende und Abertausende würden ihr Judentum ganz anders auffassen und achten, wenn sie es wirklich kennen gelernt, kennen gelernt auS dem klaren, reinen Spiegel unserer Lehre. Die Unwissenheit ist die^Mutter der Gleichgiltigkeit; dies bildet auch eine Tatsache der Erfahrung, die leider in überaus krasser Form in die Erscheinung tritt'. Hinter allen bedauerlichen Zeitverhältniffen mögen wir nicht immer gleich den schlechten Willen suchen, i'vn ay «Si. Der Unwissende kann mit bestem Willen nicht wirklich fromm sein, d. h. die religiösen Pflichten so ausführen, wie Gesetz und Recht es fordern. Man braucht nur einen Blick hinein zu werfen in Haus und Synagoge und Beobachtungen anzustellen über die Art und Weise, wie die einzelnen Gottesgebote ausgeführt werden; denn auf das „Wiekommt es hier sehr an. Man sehe sich ein Kidduschmachen oder Havdolo in so manchen Häusern an, gar nicht zu reden vom Sederabend mit seinen zahlreichen Zeremonien. Wie werden die Tefillin angelegt, der Tallis umhüllt. Welche Verstöße kommen beim Beten vor, besonders beim GemeindegotteSdienst. Wieso mag es kommen, daß das Kaddischgebet, welches doch jährlich mehr als tausendmal den Betern zu Ohren kommt, von Leidtragenden so auffallend schlecht vorgettagen wird? Nach dem Gesetze des mechanischen Memorierens sollte das tadellos flott gehen. Und ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in der rituellen Wirtschaft, der rituellen Küche. Bei freudigen Anlässen und traurigen Gelegenheiten tritt die Unwissenheit in allerlei Formen und Erscheinungen zutage. Man hat sich ganz daran gewöhnt, ist abgestumpft und vergißt, daß dies alles einmal anders war und auch heute besser sein könnte. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es noch in gar vielen kleinen Orten Leute, die „lernenkonnten, und sei es auch nur ein wenig Mischna, ein wenig Raschi, Chaje Odom u. dgl. gewesen. Heutzutage betrachtet man es allenfalls als Schande, nicht „oren- (dawnen) zuckänMn. Nicht „lernenzu können steht man stillschweigend als die Regel an/ Millionen, buchstäblich Millionen wendet man auf für den Bau prunkvoller Gotteshäuser, die dann nicht selten leer stehen, in denen wenig wahrhafte Andacht herrscht. Ganz natürlich! Unsere Gebete stnd nicht nur erbaulichen Inhalts, sie enthalten auch Lernstücke. Nicht umsonst nennt der Jude seine Synagoge „Schul-. Ich erinnere an -ian, an yov, ■pn\ die Mischna o'iai iS» im Morgengebet, an den Perek noa, an die v'j?iv u. s. w. In der Tat gibt es zu unseren Tefillos eine Menge Kommentare, die bekannte „Derech-Chaim-n^vnzählt allein 19, eine Erscheinung, von der Sie wohl bei nichtjüdischen Gebetbüchern niemals gehört haben werden. Bei uns ist eben nicht die Synagoge der heiligste Raum, sondern das rvion rra, das Lehrhaus, in dem ständig in Gottes Wort geforscht wird, die nabn bv mos ”i. Der kleine bescheidene Raum eines Stübchens, wo man lernt, übertrifft da an Heiligkeit und Wichttgkeit das architektonisch kunstvolle Gotteshans. Das Lehrbaus bildet den starken und soliden Unterbau der Synagoge und solange'ber