Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 30 (10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 448 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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448 desto mehr schwand der Trost, den er schon in der Seele gefühlt hatte. Er kennt seine Mauer, sein Dach, sein Haus nicht mehr; alles hatte ein anderes Aussehen. Anstatt sich mit der Eile der Freude zu nähern, geht er langsamen Schrittes vorwärts, wie einer, der gegen seinen Willen an einen Ort des Schmerzes und des Weinens gehen soll. Endlich tritt er in das Haus und sieht ein schönes Schauspiel häuslichen Glückes. Knäbchen, die scherzten, eine Frau, die liebevoll Anteil an ihren Spielen nahm, und einen Mann in noch kräftigem Alter, der mit einer Arbeit beschäftigt war. Bei seinem Eintreten hören die Scherze und das Lachen auf, und die Blicke Aller richten sich auf ihn mit einem gewisien Ausdruck des Mißtrauens, hervorgerufen durch gewisse Gebärden der Gebieterschaft, womit er vorwärtsschritt. Zu dem Manne gewendet fragt Chonia also: .Möchtet Ihr mir den Sohn des Chonia rufen?" „Den Sohn des Chonia?" antwortete der andere überrascht; „er ist schon längere Zeit tot." „Aber "bitte, wer seid Ihr?" »Ich bin der Enkel des Chonia". Der Arme wirft sich überwältigt, mit einem Entzücken der Freude dem Enkel entgegen, indem er rief: .Ich bin Dein Großvater!" Aber der Enkel entzieht sich jeneu Umarmungen, betrachtet ihn erstaunt und ruft: .Ihr? Ihr mein Großvater? Ich habe Euch nie gesehen, ich kenne Euch nicht". Es war wahrlich eine traurige Situation, in der der arme Chonia im Schoße seiner neuen, mit keiner gemeinschafllichen Erinnerung mit ihm verbundenen Familie sich befand. Der Ring, der jene zwei Generationen verband, war gebrochen, und der Unglückliche fand sich von Neuem in der Einsamkeit inmitten von Personen, die ihn nie gesehen hatten, und die er nie gesehen hatte. Die Herzen öffneten sich ihm nicht, die Gemüter zeigten sich ihm fast mißtrauisch; seine Gegenwart war die Gegenwart eines Fremden. Chonia suchte einen Trost inmitten jener alten Gesetzesgelehrten unter denen er sehr berühmt war. Aber keiner kannte ihn, und er kannte keinen. Und als er sich für den, der er war, zu erkennen geben wollte; der er war, als sein Name noch mit großer Ehre genannt wurde, sahen sie ihn mit Ueberraschung an, und hießen ihn mit Unwillen zurück, indem sie sagten: „Chonia ist seil langer Zeit tot, Ihr seid er nicht". So von allen zurückgestoßen, irrte er lange allein, blos in Gesellschaft seiner tiefen Betrübnis, und vergeblich rief er mit der Verzweiflung der Leidenschaft einen Verwandten, einen Freund an. Denn er konnte sich in der Gesellschaft nicht vorstellen ohne Namen, und wenn er sich mit seinem Name» vorstellte, wurde er als Lügner zurückgewiesen. ~ Er kam auf den Gedanken, in die Akademie der Gelehrten zu gehen, in welcher er mit so viel Ehre ausgenommen zu werden pflegte. Aus Furcht, als Betrüger zurückgewiesen zu werden, sprach er weder von sich noch von seinem Namen, sondern hörte Aufmerksam jene gelehrten Diskussionen an. Jeden Augenblick wurden von den Weisen die Grundsätze des Chonia, die Meinungen des Chonia, die Beispiele des Chonia, wie einer