Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 30 (10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 447 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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447 und betäubt. Er bemerkt den in seiner ganzen blühenden Vegetation gewachsenen Baum und neben demselben einen Jüngling und ein Mädchen, dio die Früchte von dem Baume aßen. Er nähen sich ihnen und sagt: „Meine Kinder! Wer hat diesen Baum gepflanzt?" „Ich sicherlich nicht", antwoNete der Jüngling, „Ihr wisset doch, wie viele Jahre ei forderlich sind^ um davon genießen zu können. Mein Vater hat mir gesagt, daß er von seinem Großvater gepflanzt wurde". Seinem Großvater! wiederholte Chonia erschrocken bei sich selbst, sein Großvater! Und doch kann ich mich nicht täuschen; dieses st jener Acker, jener Hain.o, mein G'tt, so hätte ich siebenzig Jahre geschlafen? Dieser furchtbare Gedanke versetzte ihn in eine unerklärlich: Unruhe, und nachdenkend und betrübt lenkte er die Schritte der Geburtsstadt zu; aber als er eine kurze Strecke Weges zurückgelegt hatte, verwirrten sich seine Sinne, und er wußte nicht mehr, wohin den Fuß zu wenden. Der^ alte Pfad ist verschwunden; die Häuser, die neben dem Weg standen, alles hat ein anderes Aussehen angenommen. Vergebens sucht der arme!. Chonia einen bekannten Baum, einen bekannten Acker, einen bekannten Gegenstand, worauf der irrende Blick, der abgemühte Gedanke ausruhen konnte. Alles, was sich ihm darstellt, war nie von ihm gesehen worden, alles ist nesu. Traurigkeit erfüllt seine Seele, und es gelingt ihm erst nach Mühen und Beschwerden, den Weg zur Stadt zu finden. Endlich hat er die Stadt! betreten. Die Straßen sind von Menschen gefüllt; alle gehen eifrig ihren Geschäften nach. Während der Zeit hatten auch Joseph und Judith die Stadt! erreicht. Beim Durchschreiten der Straßen kam es ihnen vor, als hättest^ sie den alten Rabbi bemerk, der mit ihnen so geheimnisvoll an jenem Jahannisbrotbaum sprach. Das Herz von Beiden aber war von eigenen Angelegenheiten voll. Mit Hast eilten sie in das Haus des Vaters der Judith. Tränenden Auges überreichte Joseph demselben eine Pergamentrolle, welche dieser mit Erstaunen ergriff, öffnete und mit aufrichtiger Freude, zum heiligen, ewigen Bunde die Hand seiner Tochter Judith in die des Joseph legte. Während dieser Begebenheit schreitet Rabbi Chonia durch die Menge vorwärrs und sucht begierig einen Bekannten, ein schon gesehenes Gesicht unter ihnen. Aber unter der ganzen Maffe erkennt er keinen der alten Freunde, der alten Bewunderer. Nicht eine freundschaftliche Hand, die ihm gereicht wurden kein liebendes Wort, kein freundschaftlicher Blick ward ihm gewährt. Allein und verlassen fühlt er sich in dieser großen Menge; er fühlt in seinem Herzen die Einsamkeit der Wüste. Die Vereinsamung fällt auf das Herz des armen Chonia wie ein großes Unglück und vermehrt die Verwirrung seiner Gedanken. Dieser Zustand währte aber nicht lange, er beruhigte sich etwas und denkt: „Ich habe weder Bekannte noch Freunde mehr, aber meine Familie bleibt mir noch. Im Schoße der Alleinigen werde ich Stärkung und Frieden finden. So getröstet, erkundigt er sich bei den Vorübergehenden nach der Familie des Chonia, und es wird ihm eine Straße gezeigt, wo dieselbe wohnte. Mit klopfendem Herzen beschleunigt er den Schritt und geht dem Hanse zu, das ihm gezeigt worden war. Aber je mehr er sich näherte^