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Jüdischer Volksbote · 1913-10-01 · 30 (10.1913) · p. Seite 446

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1913
Issue
30 (10.1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 446 (sequence 12)
Language
German
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446 L verschwand, und daß alle Nachforschungen, ihn aufzufinden, vergebens waren. Nun ist mit ihm aber zugleich ein Pergament verschwunden, das die Stamm» liste deiner Familie bis in die älteste Zeit enthält. Wenn ich deinem Vater nicht jenes Pergament verschaffe, wirst du nimmer meine Frau; diese Bedingung hat er mir gestellt und einen heiligen Eid darauf geleistet". Ein Wehruf Judiths hallte durch den Hain. Das Mädchen erbleichte, fie regte sich nicht. Bald sgnd sie jedoch ihre ganze reizvolle Unbefangenheit wieder, sprach dem Freunde Trost zu — und Joseph versank während ihres süßen Redens in trübes Sinnen, aus dem ihn ein leises Streicheln von Judiths Hand rasch wieder erweckte, dabei strahlte und glühte sie und war unbeschreiblich lieblich. Eie saßen beieinander am Saume des Haines; über ihnen der tiefblaue Himmel; auf beiden jugendlichen Häuptern lag Glanz und Sonnenschein; die Stirn des Jünglings war ernst und sorgenvoll, des Mädchen Antlitz dem Frühling gleich. Endlich erhob sich das junge Mädchen, ergriff die Hände des Jünglings, bedeckte sie mit Küssen und rief mit tiefergreifender Stimme: .Komm' und folge mir, mein Joseph, G'tt ist mit uns!" Joseph folgte ihr., Sie wandelten über die anmutigen Gefilde, an blühenden Myrthen vorüber. Plötzlich befanden sich beide vor einem wunderbar gestalteten Steinhaufen. Judith streckte ihren lieblichen Arm aus und zog aus dem Innern des Steinkreises ein zusammengerolltes Pergament hervor. .Nimm dieses, mein Joseph," sprach sie, .oft habe ich hier zum G'tte meiner Väter gebetet und dabei dies Pergament bemerkt. Aus Ehrfurcht habe ich es nie vorher berührt; vielleicht ist es das, was mein Vater von dir verlangt." Joseph ergriff die Rolle, fühlte sich aber von Judith fortgerissen; sie leitete ihn zu einem ganz in der Nähe einzelstehenden Johannisbrotbaum wo beide sich in das Gras setzten und Joseph das Pergament öffnete. 3. Siebenzig Jahre waren verflossen, als wunderbarerweise jenes Grab von Steinen, das den Schlafenden verbarg, den Augen aller unsichtbar blieb — und nur von der reinen, unschuldigen und zu G'tt betenden Judith gesehen wurde Sie wußte nicht, daß dieses das geheimnisvolle Grab ihres Urgroßvaters sei. Oft hatte sie inmitten jenes Steinhaufens eine Pergamentrolle bemerkt; innere, unerklärliche Ehrfurcht aber hielt sie von jeder Berührung zurück. — — Siebenzig Jahre hatte Rabbi Chonia einen unerklärlichen Schlaf geschlafen; jetzt fährt er auf, reibt sich d.ie Augen, wirst den Blick umher, erhebt sich und ruft aus: .Was für einen langen Schlaf habe ich getan? Es war noch nicht Nacht, als ich einschlief, und jetzt ist die Sonne schon nahe am Mittag". Mit etwas verwirrten Gedanken geht er weiter vorwärts und bleibt an der Stelle stehen, wo der Greis den Johannisbrotbaum gepflanzt hatte. Dieser Anblick erhellt ihm einigermaßen den Geist und ruft ihm das Vergangene in die Erinnerung zurück. Aber jenem Lichtschimmer folgt ein Gefühl der Ueberraschung, das ihn verwirrt

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