Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 30 (10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 445 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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445 Losen Himmel emporgestiegen. Ihr freundliches Licht beleuchtete die Häuser <i»es anmutigen Städtchens und begann in die Höfe und Gärten der Stadt Hebron zu dringen, welche durch den lieblichen Hain Mamre gegen den Samum geschützt war. Desto auffallender war wohl deshalb die Erscheinung eines Jünglings, der in früher Morgenstunde einsam am Saume des Haines saß, der schönen Stadt Hebron, die wie eine glückstrahlende Braut an der Brust des herrlichen Haines ruht, den Rücken gewandt hatte und hinstarrte auf das liebliche Laub der Bäume. Es war ein Jüngling von etwa 20 Jahren, kräftiger Gestalt, mit einem feinen aber blühenden Gesichte, dunkeln Haaren, finstern Augenbrauen und den wunderbarsten schwarzen Augen der Welt. Der Ausdruck dieser Augen war fast unheimlich durch seinen schnellen Wechsel; bald blitzend, feurig, siegend und stolz, bald zum Sterben traurig. 4- Eine sanfte liebliche Mädchenstimme unterbrach das düstere Sinnen des Träumers: ein reizendes. Mädchen lief herbei und stürzte sich an seine Brust mit dem Ausruf: „Böser Joseph, wo bist du den ganzen gestrigen Abend gewesen? wie Hab ich dich an meinem Lieblingsplätzchen vergebens gesucht!" .Und dabei sah sie ihn mit den herzigen schwarzen Auge» aus einem Körbchen eine Menge Blumen vor ihm aus: zweige und Orilngenbliiten. Joseph reichte der holden Spre lächelte fast freudig, streichelte ihre schwarzen Locke» und so gte leise: sollte dir gestern abend das Resultat der Unterredung zwischen mir au und schüttete Rosen, Myrthenherin die Hand, Ich und deinem Vater mitteilen, Judith! Noch vermag ich es nich : »och bin ich nicht fähig, zusammenhängend zu denken oder zu erzählen. imstande bin, sollst du es erfahren — heute abend, morgen, oder G'tt weiß wann!“ „Nein, Joseph," sprach Judith, „du sollst und mußt mir jetzt offen sagen, was sich zwischen dich und mich feindselig dränget, damit wir dem Feind mit Kraft und ausdauerndem Mute im offenen Kampfe begegnen können. Ach Joseph, und stände die Hölle mit all ihren Folterwerkzeugen offen vor mir und man sagte mir, „da drinnen ist dein er >igcr Aufenthalt, wenn du von Joseph nicht läffest!" — wahrhaftig! ich drillte meine Augen zu und ließe nicht ab von dir!" Joseph bedeckte sein Antlitz mit beiden Hände». Unendlicher Schmerz zog durch seine Seele; doch fahre er sich, ergriff des Mädc>ens Hände und sprach: „Judith, ich betrachte mich in diesem Augenblick als einen, der auf der Grenze zwischen Leben und Tod steht. Die Bedingung deines Vaters zu unserer Verlobung — ach! diese trennt mich für immer'von dir; darum laß mich sprechen mit dir, meine Spielgefährtin der Jugend^ mit dir, meine langjährige Freundin." Mit Leidenschaft warf sich das junge Mädchen in die Arme des Jünglings und lehnte das glühende Antlitz an seine Brust. Ihre Lippen schwiegen, aber sie fühlten, wie heiß sie einander liebten. „O Judith!" sprach endlich Joseph, „hätte ich tausend Seelen, ich würde sie mit Freuden für dich, aushaüchen! — So höre denn: Dir ist es bl kannt, daß vor siebenzig Jahren deines Vaters Großvater, Rabbi Chonia, Sobald ich es plötzlich spurlos