Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 30 (10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 444 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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444. Dieser Gedankenzug des Rabbi Chonia wurde plötzlich unterbrochen. Ein armer Greis, gebückt durch die Last vieler Jahre, stand vor ihm; keuchend umgrub er die Erde und pflanzte einen Johannisbrotbaum, von dem, wie man allgemein glaubte, erst nach siebenzig Jahren Frucht zu pflücken wäre. Und aus der geschäftigen Unruhe des Greises schien jene Hingebung und Liebe hervor, die man einer, von Hoffnungen und Versprechungen lachenden Arbeit widmet. Hierüber war Chonia erstaunt und ein gewisser Spott erschien in seinen Zügen; mit sichtlicher Verachtung betrachtete er das ängstliche Sichabmühen des greisen Landmannes, indem er ihn also anredete: „Armer Greis! Welch sonderbare Täuschung treibt dich zu so grosser Anstrengung und gibt dir die Kraft dazu? Scho» so vorgerückt in Jahren, mühst du dich ab, um einen Johannisbrokbaum z» bearbeiten, der seine Früchte erst nach siebenzig Jahren tragen wird? Hoffst du vielleicht davon zu genießen?" „Meister!" antwortete unbefangen der Landmann, „als ich geboren wurde, fand ich in den Feldern Johannisbrotbäume, die schon mit Früchten beladen waren; meine Väter haben diese für mich gepflanzt, und ich pflanze für meine Kinder." Für seine Kinder! so murmelte fast ärgerlich Chonia vor sich hin, indem er sich von dem Greise entfernte; für seine Kinder! O Blinde Sterbliche! wir leben eine kurze Stunde auf dieser Erde und nehmen uns heraus, die Zukunft jener Sterblichen sichern zu wollen, die nacst uns kommen werden. Die Kinder! Und werden die Kinder nicht sterben? — Sorge jeder für sein himmlisches Leben, statt sich Gedanken zu machen wegen der wenigen Tage, die wir oder andere hienieden weilen. Was kümmert uns unser Los auf Erden und das Los Anderer in der Welt? Unsere Bestimmung ist der Himmel! So in Gedanken vertieft setzte sich, nicht weit von jenem Greise, Rabbi Chonia in das Gras Der Tag war schon etwas vorgerückt, der Gelehrte hatte aber noch keine Speise genossen. Von Hunger gequält, zog er ein Stück Brot aus der Tasche und — immer nachdenkend — fing er zu effen a». Rach Beendigung des frugalen Mahles streckte er sich auf dem Grase aus, schloß die Augenlieder und schlief sanft ein. , Tie Nacht vollbringt ihren ganzm Lauf, der Tag kehrt zuriick, und die Nacht beginnt wieder: ebenso vergehen hundert Nächte — und Rabbi Chonia erwacht nicht. Ein hoher Kreis von Steinen erhebt sich durch ein Wunder rings um chn her und verdeckt ihn, seinen eisernen Schlaf schützend, den Augen anderer. Also vergehen die Jahre. Generationen kommen und schwinden, tausend verschiedene Wechselfälle drängen sich in der Welt und Dinge nehmen, sich verändernd, ein verschiedenes Aussehen an;- aber Chouia schläft. Der Kreis von Steinen schien des Gelehrten Grab, er selbst den ewigen Schlaf schlafend. Das spurlose Verschwinden des Rabbi Chonia, des durch tiefe ausgebreilete Gelehrsamkeit und Wohltun geliebten Mannes, blieb, der eifrigsten Nachforschung ungeachtet, ein Rätsel — und Familie und Freunde betrauerten ihn. 2. Die Sonne war. «n ihrem vollen Glanze strahlend, an dem wölken»