Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 29 (8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 450 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4903180-5965943-5965985--633-4903775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I — 426 — dany haben wir jenen Grad von Vollkommenheit erreicht, der selbst unseren Gegnern, wen» auch keine Anerkennung — auf die rechnen wir ja gar nicht — so doch Achtung abringen mutz. Der aber, und da» ist die Hauptsache, den Keim in sich trägt zur inneren Zufriedenheit und wodurch dann jener erhoffte Zustand am ehestem herbeigeführt wird, jener ersehnte Zustand, da» jüdische Familienleben in seiner Innigkeit und dem ihm anhaftenden eigenartigen Reiz zu stärken, zu befestigen und zu erhalten ad acharis hajomim bi» zur ollerallerfernsten Zeit, zum Segen de» Einzelnen, znm Segen der Gesamtheit und zum Segen unsere» geliebten deutschen Vaterland«». (Lebhafter Beifall.) : Das Wort erhält Herr Redakteur Schachnowitz-Frankfurt a. M. zu seinem Referat „Stadt und Land". Redner weist auf litte Faktoren bin, die die Landflucht zu einer Judentums- Flucht traurigster Art gestaltet haben und belegt seine Ausführungen mit Bildern au» dem Leben schwindender Landgemeinden, sowie mit statistischen Zahlen und Daten au» den neuesten Werken über die Judenwanderung. Wenn tonst im Volksleben da» Land eine» Teil seiner Kraft an die Stadt abführt, so hat das Volkswohl wenig dabei verloren. Im Gegenteil, Handel und Industrie wachsen, und das Gesamtgüt ist gemehrt. Hier aber tragen nicht Land und Gemeinde den Verlust, sondern das Judentum. Wer hätte scbon eine verwaiste monumentale Synagoge auf dem Lande wie eine stumme Zeugin au» einer großen Zeit in die Oede der nichtjüdischen Umgebung hineinragen gesehen, wer hätte schon in einstens blühenden KehillauS den Minjansuchendeu Owel von Haus zu Haus laufeu gesehen und eS wären ihm nicht die Tränen in die Augen getreten, wie beim Sterbelager einer liebenden Mutter! Der Zauber des altjüdischen Familienlebens, die Weihe, die Liebe und Treue, die Grundpfeiler des jüdischen Hauses, all dieses zieht nicht mit in die Stadt. Diese absorbiert dauernd die besten jüdischen Kräfte vom Lande, ohne dem Judentum etwas dafür zu bieten. Da» alte jüdische nnw* diese Blume, die hinter der Gheitomaner so wunderbar! gedieh und sich als ein wesentliches Erhaltungselement unserer Gemeinschaft bewährt bat, sie verdorrte bei io viel Sonne, wurde vom großen starken Leben zertreten. Der Sabbat verlor sein Licht und seinen Glanz und seine warme Behaglichkeit bei den starken Farben und Geräuschen der großen Welt. Das schöne Psalmwort pan «ne -ar cjs 'n rmu nan verlor seine Bedeutung, es fehlt das Maß von imi-s, um in den Kindern einen Gottessegen zu erblicken. Und die Folge? Ein erschreckender Rückgang der Geburtenziffer. Was Wunder, daß da eine Reihe ungebetener „Judentumkretter" und Schwarzseher auf den Plan treten, die unseren Untergang auf Stunde und Minute mft mathematischer Genauigkeit ausgerechnet haben wollen. Das ist die Landflucht, das Klagelied, das die vereinsamte Dorssynagoge in» Land hinaus jammert. Referent glaubt nicht an die Möglichkeit, der Landflucht durch künstliche Mittel wirksam entgegenzutreten, hofft vielmehr, daß die Reaktion von selbst eintretcst werde, für die heute schon vielfache Symptome sprechen. Allein solange die Abwanderung vom Lande anhält, sei dafür zu sorgen, daß diese wenigsten» keine Abwanderung vom Judentutu bedeute. Das geschähe am best« dadurch, daß die Leute auf dem Lande über die gesetzeStteuen Gemeinden und I Institutionen in der Stadt genügend aufgeklärt werden, um bei eventueller Ueberfiedelung nach der Stadt leicht den Anschluß an die Kreise zu finden, denen sie ihrer ganzen Natur und religiösen Veranlagung nach angehören. Noch wichttger sei das Problem der Jünglinge, die zum Zwecke ihrer Berufsbildung vom Lande nach der Stadt geschickt werden. Redner schüdert die Gefahren, denen der junge Mann, aus engem Kreise kommend, im offenen Lichte der Großstadtstraße auSqesetzt ist und teilt i» einzelnen mit. was in den gesetzestreuen Kreisen der Stadt bis letzt durch Gründung von Vereinen und Jugendheimen zur Gewinnung des Jünglings geschehen ist. An den Vätern und Lehrern auf dem Lande sei es nun, ihre in