Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 29 (8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 449 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4903180-5965943-5965985--632-4903774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/%' — 425 — den Anstrengungen einer solchen Tour, man den heimischen Penalen zueilt, wo ist da noch Sinn für jüdische Ideal« vorhanden! Rechter Hand, linker Hand — alles vertauscht! Ja man sucht sich in den Gedanken hineinzuleben, daß man die eigentlichen Freuden des Daseins als Jude gar nickit so recht genießen kann und was der Mangel an jüdischem Wiffen und noch mehr — an gutem Willen nicht ganz fertig bringt, das vollendet die Beredsamkeit irgend eines »modernen" Freundes, dem b-swoi ewaj nun längst ein Buch mit 7 Siegeln geworden sind- Der kleine Rest von Judentum, der gerade noch in diesem Hanse anzutreffen war, verschwindet und mit diesem wird gleichzeitig auch das Familienglück zu Grabe getragen. — Denn mit dem Schwinden des Judentums schwindet auch der Kitt der die Familie, zusammenhielt; jeder geht seine eigenen Wege und in absehbarer Zeit wird durch die Ehescheidung der Komödie ein Ende bereitet. DaS ist also auch jüdisches Familienleben, allerdings wie es nicht sein soll! Wer kennt nicht die Erzählung Heines vom Moses Lump: Da wohnt in Hamburg im BSckerbreitcngang auf einem Sahl ein Mann, der heißt Moses Lump; man nennt ihn auch Mose« Lümpchen oder kurzweg »Lümpchen". Der läuft die ganze Woche herum in Wind und Wetter mit seinem Packen auf dem Rücken um seine paar Mark zu verdienen; wenn er nun Freitag abends nach Hause kommt, findet er die Lampe mit 7 Lichtern angezündet, de» Tisch weiß gedeckt und er legt seinen Packen und seine Sorgen von sich und setzt sich zu Tisch mit seiner Frau und seiner Tochter, ißt mit ihnen Fische, singt dabei die prächtigsten Lieder von König David, freut sich von ganzem Herzen über den Auszug der Kinder Israel aus Aegypten, freut sich auch, daß alle Bösewichter. die ihm BöseS getan am Ende gestorben sind, daß König Pharao, Nebukadnezar, Haman, Titus und all solche Leute tot sind, daß Lümpchen aber noch lebt und mit Frau und Kind Fisch ißt. Und ich sage Ihnen, die Fische sind delikat und der Mann ist glücklich! Er betrachtet vergnügt seine Lichter, die er nicht ei»mal selbst putzt. Und ich sage Ihnen, wenn die Lichter etwas matt brennen und die Schabbossrau, die sie zu putzen hat, nicht bei der Hand ist und Rothschild der Große käme jetzt herein mit all seinen Maklern, Diskonteuren, Spediteuren und Chefs de Comptoir, womit er die Welt erobert und spräche: MoseS Lump bitte Dir ein« Gnade aus! Was Du haben willst, es soll geschehen. Ich bin überzeugt. Moses Lump würde ruhig antworten: Putz mir die Lichter. Und Rothschild der Große würde mit Verwunderung sagen: Wäre ich nicht Rothschild, so möchte ich so ein Lümpchen sein. Pflegen wir also unsere Ideale, hüten wir unser Familienleben. Streben wir dahin, unserer Jugend eS klar zu machen, daß nicht im geräuschvollen Treiben der großen Welt unser Heil und Wohlergehen zu suchen ist. — Wohl unS, wenn wir die uns durch das GotteSgesctz gezogenen Grenzen einhalten, wohl unS und unseren Familien! Vor vielem Bösen bleiben wir bewahrt! Wenn dann unsere Kinder in diesem Sinne ihr Leben auffassen und einrichten, dann können wir getrost der Zukunft entgegensetzen! Dann werden jüdische Häuser erstehen, in denen die Ideale, die das Judentum ouSzeichnen, hochgehalten werden; dann schämt mau sich deS Armen nicht, der sich im Kreise der Familie labt, der Segen zurückläßt, wenn er gesättigt das liebe HauS verlassen; da schämt man sich auch deS Gebetes nicht; dann wird in diesen Häusern der Tisch zum Altäre, dann wird die Flamme religiöser Begeisterung in unserer Jugend nicht verlöschen und das Familienleben eiu musterhaftes, ein glück- und segenbringendes sein. Wir leben in dem sogenannten Zeitalter der Aufklärung. Es herrschen heute andere Ideen, wie vor 100 Jahren. Wir sind Bürger eines Vaterlandes, auf das stolz zu fein wir alle Ursache haben, an dem wir hängen mit allen Fasern unseres Herzens und für das einzutreten wir bereit find in den Tagen der Rot und Gefahr mit unserem Gut und unserem Blut und wie nach der einen Seite hin unser Bekenntnis es uns als hohe und heilige Pflicht vorschreibt und von uns fordert, gute, treue Staatsbürger zu sein, so haben wir nach der anderen Seite hin die Verpflichtung. die gleiche Liede, Treue und Hingebung auch unserem Bekenntnis, unserer heiligen Religion entgegen zu bringen. Und wenn wir beider in uns vereinigen,