Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 29 (8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 446 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4903180-5965943-5965985--629-4903771- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wir nennen uns frei und — orthodox, aber nicht als ob uns orthodoxes Judentum ein Parteijudentum wäre! Es gibt nur ein Judentum, das uns von unseren Väiern überlieferte sinaitische Judentum, das keinen Wandel der Zeiten und keine „Entwicklung" im modernen Sinne kennt, und darum scheuen wir uns nicht, es auszusprechen vor Fürsten und Königen, vor Regierungen und Parlamenten, daß das ortbodoxe Judentum keine Partei, keine Richtung, sondern das Judentum ist. (Stürmischer Beifall.) Allein alle organisatorische und politische Arbeit sei umsonst vertan, wenn nicht auch in Deutschland das Lernen wieder seinen Einzug halte. Damit allein auch werde die rechte „Fidelitas* geschaffen, die in einem jüdischen Programm gewiß nicht fehlen dürfe; denn nichts reiche an die innere, nimmer verlierbare Wonne heran, die noch heute das echte Thoralernen gewährt und die allein über alles Depremierende im Leben der deutschen Judenheit hinweghelfen könnte und werde. — (Lang anhaltender stürmischer Beifall.) Herr Provinzial - Rabbiner Dr. Bambttger - Hanau betonte darauf in trefflichen homiletischen Ausführungen, ausgehend von den Blüten des Aaronstabes in dem dieswöchentli^en Wochenabschnitt, die Wichtigkeit des Zusammenschlusses der Gesetzestreuen und aller Bestrebungen der „Freien Bereinigung". Das Wort erhält Herr A. M. L o eb - Dieburg zu seinem Referat „Familienleben". Welche Bedeutung der Gründung eines Hauses und einer Familie in der heiligen Schrift beigelegt wird, entnehmen wir aus der Sidra ccBir. Klar und deutlich — so sagt Rabbiner Hirsch Vv — hebt hier das Gesetz, im Momente des Krieges die Lebensaufgabe des Friedens hervor und legt besonderen Wert darauf, daß dieses Moment zur Lösung komme Im Familienleben sind die starken Wurzeln unserer Kraft zu suchen und der beste Boden für dieses echt jüdische Familienleben, da wo es in seiner ganzen Größe und Schönheit gedeihen kann, finden wir da, wo man noch fest und treu an unserem Glauben hält wo man vor allem dem jüdischen Lernen neben den modernen Fächern einen Platz einräumt. Ein Vergleich zwischen Einst und Jetzt in Bemg auf die Pflege dcS jüdischen Familienlebens zeigt einen großen Unterschied. Denn unseren Eltern und Voreltern war eS leichter, die Einigkeit des Familienlebens voll und ganz genießen zu können. Es war die rauhe Umgebung, die dies mit sich brachte, denn je mehr der Haß sie von außen bedrängte, desto inniger wurde das häusliche Zusammenleben. Mit der Morgenröte deS vorigen Jahrhunderts wurden die Juden gleichberechtigt, die Mauern des Ghettos stürzten ein und verjüngt labten sich unsere Glaubensbrüder an den freundlichen Sonnenstrahlen edler und gerechter Denkungsart. Aber vielen erging eS wie den Motten; sie strebten zu stürmisch diesem Lichte entgegen, und mußten dabei die unangenehme Erfahrung machen, sich die Flügel zu verbrennen. Dies alte Ucbcl kam eya«i rasri in seiner ganzen Verwerflichkeit wieder zum Vorschein. Es waren da Leute am Werke, die gerne das ganze Judentum über den Haufen geworfen hätten, die die gesamte deutsche Judenheit zur Gesinnungslosigkeit, zum Treubruch verleiten wollien. Hoch gingen die Wogen in diesem Sturme, das Schifflein des gesctzestreuen Judentums schien hilflos den Wellen »reisgegeben, seine Planken krachten, sein Mast schien zu bersten — da im entscheidenden Augenblicke gewahrten die Gegner aber einen neuen Lootsen, einen neuen Führer, der sicher und ziclbewußt durch die Bran-