Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 28 (6.1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 400 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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400 mer, nicht Mühen und Elend kennt, lieber dir und über uns Allen scheint Gottes Himmel, und über diesem und über uns Allen waltet seine Milde und Liebe, die alle Zeit und allen Raum erfüllt. Schlafet, die ihr betrübt seid auf Erden! Er wacht über euch, und ihr seid sicher in dieser heiligen Obhut. — Jetzt bricht der Morgen des Sabbats an. Die Sonne begrüßt die Erde mit ihren rosigen Strahlen und dringt in Straßen und Gäßchen, in große finstere Häuser und in alte graue Gebäude, durch Bogen und Portale, und giebt allen Dingen einen Anblick voll Fröhlichkeit und erneutem Leben. Ich wünsche, ihr könntet den Morgenanbruch sehen, nicht wie hier über hohe Häuser, Giebel und Spitzen, durch eine dichte Atmosphäre, gegen die sie zu streiten scheint, wie sie mit ihren Strahlen sondern ihr Anbrechen über Hügel und Täler, alles in ein Lichtnieer kleidet. Ich wünsche, ihr^ könntet die Morgenluft einatmen, nicht durch ein enges Fenster, wohin sie sich durch Höfe und Straßen stiehlt, sondern sie einatmen in der schönen offenen Landschaft, wo sie gleich einem schimmernden Strome hervorbricht, beladen mit der Frische grüner Gefilde, mit dem Wohlgeruche der Blumen, mit deni Gerüche frisch gemähten Grases, oder noch beffer, wie sie kommt über die schneeigen Gebirge oder über das heitere Meer. Ich wünsche, ihr könntet durch Hecken und Wiesen, unter dem Schatten des Waldes und Gehölzes, durch frühe Primeln und Veilchen wandeln und dort den fröhlichen und feierlichen Morgengesang hören, den die Natur dem Herrn darbringt. Ich wünsche — doch es ist ein eitler Wunsch, denn wir sind eingesperrt in engen Straßen und schmutzigen Plätzen, und nicht Gefilde mit ihrem frisch gemähten Gras, nicht begrenzte Hecken mit ihren Gesträuchen von wilden Rosen und Kriechpflanzen, nicht alte Bäume mit mosigen Sitzen zwischen ihren herabhängesiden Zweigen laden euch heute ein oder leiten euch durch ihre erhabene Schönheit zum Denken und Beten. Es ist eins der schwermütigsten Bilder unsrer gegenwärtigen Stellung, daß wir unser Leben zumeist in dem Kampf und den Grenzen großer Städte zubringen, und so geht Jahr auf Jahr, Frühling und Sommer hin, ohnes daß wir ihre Schönheit oder Heiterkeit fühlen. Kinder Jisrael's, es war nicht immer so! Als Gott unsere Väter aus Leibeigenschaft und Elend befreite und uns erwählte, sein ausgesuchtes Volk zu sein, da lag es nicht in jener Bestimmung, deren iregenbogene Farben sich über die Wildnis wölbten und sie beleuchteten. Di^ in Reben gekleideten Hügel Judäa's, seine murmelüden Bäche mit in ihicem durchsichtigen Waffer glänzenden Kieseln, seine wogenden Palmen und höhen Cedern und Blumen und Früchte sin reichem Ueberflusse und Vögel mit glänzenden Schwingen und Silbertönen, sein wolkenloser Himmel und zu den jüdischen Viertel,«, in welchen unser Volk wohnt! Und das Leben des Arbeiters in Judäa Fischer mit seinem Netz auf den Hügeln oder die krystallische Atmosphäre — ach, welches Gegenbild Der Ackersmann, der Winzer, der Schnitter, der au dem leuchtenden blauen Meere, die Werkstätte Hütte in dem beschatteten Tale mit, ihren häuslichtn Pflichten obliegendien. Frauen. — Diese Bilder erheben sich vor mir.