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Jüdischer Volksbote · 1913-06-01 · 28 (6.1913) · p. Seite 396

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1913
Issue
28 (6.1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 396 (sequence 6)
Language
German
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396 was ist es anders, als ein Mißbrauch seiner Freiheit, ein Rückfall in den Sklavengeist, wenn Israel den einzigen Trost, der es in Zeiten der Not aufrecht hielt, mit frevelnder Hand zerstört, wenn es das Band der Thora, machtvoll um ganz Israel geschlungen, zu lösen und zu lockern sucht? Und wenn nicht nur seine Männer und Frauen der Gotteslehre den Rücken kehren, sondern das Gift des Abfalls schon in die unschuldigen Herzen der Kinder geträufelt wird, verlöscht Israel damit nicht für alle Zeiten daS Licht, welches so oft die Nacht der Leiden durchstrahlt hat und dessin trostreichen Schimmer so manche Stunde des Lebens herbcisehnt? Ein Blick auf Rephidim deckt uns die Quellen auf, aus denen dieser trübe Strom hervordringt: Der Hunger und der Du,rst, sie sind es, die unser freigewordenes Geschlecht in die Nacht geistiger Knechtschaft zurückwerfen, die Gier nach Geld und Gut und irdischer^ Habe, die ungestüme, verwegene Jagd nach Schätzen, die unbarmherzig" die Blumen am Wege zertritt und den Duft von des Lebens Blüten verscheucht und verweht, sie hat aus dem Herzen Israels sein höchstes Gut herausgeriffen. Ein Geiz, der für des Lebens Tand, der für lausend Nichtigkeiten des Tages und der Mode die Mittel mit Freuden gewährt, der aber kargt und ängstlich zusammenhält, wo es den Dienst des Allerhöchsten gilt, der kann nur in Rephidim herangediehen sein. Und darum hat es in unseren Tagen wiederum geheißen: nno mne „Das Tor ist offen!" Den Feinden Israels war der Boden bereitet, der Amalekg:ist wehte mit verderbenbringenden Flügelschlägen heran, und wenn die Frage erscholl, die ja der Abfall geradezu herausforderte, die Frage: p« ns unpa '.i trn „Ist Gott in unserer Mitte oder nicht?" leben wir unserer Aufgabe oder nicht, geberdeir wir uns als das Volk des Herrn oder nicht, ja, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn auch uns das grausige Echo verneinend entgegentönt. Denn wir haben verloren den Mittelpunkt, indem wir einig sind; eine Rotte von Einzelnen, deren jeder seinem Sinne nachjagt, so zieht Israel seine Straße, umgeben von den Götzen der Habsucht und des Zweifels. \ Es mag wenig am Platze scheinen, die lieblichen Festtage zu Schilderungen des Abfalls zu benützen. Allein, wann denn soll sich unser die Entrüstung bemächtigen, wann soll uns das Wort der Mahnung nahe liegen, wenn nicht an den großen Gedenktagen, die uns neben der unversiegbaren Gnade Gottes so unvernünftig, so undankbar erscheinen lasten. Und an diesem Feste gerade leuchtet uns das Gegenbild in so strählendem Lichte entgegen, daß wir in seinem Glanze so recht eindringlich an unser wahres und einziges Heil gemahnt werden, das Gegenbild der Zerklüftung, das Bild der Einigkeit, des Friedens! Dasselbe Israel, welches eben noch die Straße von Rephidim gezogen war, den Staub von Maffa und Meriba noch an Füßen, den Hader und die Zwietracht noch im Herzen, dasselbe Israel findet sich

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