Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 28 (6.1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 397 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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397 plötzlich am Fuße deS Sinai zusammen; ja zusammen findet es sich, denn eben noch in den zertrennenden Gefühlen der Gottlosigkeit befangen, eben noch als, eine Rotte von Einzelnen bezeichnet, — erweckt der Anblick des Gottesberges das friedsame Gefühl der Einigkeit und schließt die losen Glieder des Stammes zu einem unzerreißbaren Bunde — im ijj Strur o\p sn'i. Mit der Bereitwilligkeit aber, das Flammenwort vom Sinai aufzunehmen, zog auch Gott wieder in Israels Mitte ein. Unsere Alten werden nicht müde, in Bildern und Gleichnissen den erhabenen Moment der Erwählung auszumalen: Wie ein Verlierer den Gegenstand aufnimmt, den er verloren, und eben wiederfindet, so ging Gott seinem Volke entgegen; wie der Bräutigam die Braut empfängt, so zog der Herr aller Ewig- A feit strahlend einher, Israel in die Heimat, in die festlich geschmückten ^Hallen der Thora einzuführen. 02'ni2S ns visxo 12-102 D'2^2 Wie eine köstliche Frucht in unwirtlicher Steppe, .wie Trauben i» der Wüste", so fand Gott unsere Väter in jenem hehren Augenblick, da er sein Wort ihnen kund tat. Mit dem Rufe aber, der als heiliger Eidschwur das Bündnis besiegelte für ewige Zeiten, dem Rufe ntpyj yotpji „wir wollen tun und hören', mit ihm wandelte sich ihnen die Steppe in einen Gottesgarten und die Wüste in ein wogendes Aehrenfeld, ringsum dufteten und blühten die Blumen des Friedens, und in vollen Halmen begann die Saat zu reifen, die Saat der Gottesfurcht und der Menschenliebe, die Saat der Wahrheit und der Sittlichkeit. Wenn wir auch den Segen der Religion, die friedenspendende, beglückende Kraft eines gottgefälligen Wandels nicht aus eigener Erfahrung bestätigen könnten, wenn wir es auch nicht bei jedem .Ach Gott", mit dem wir seufzend unsere Brust erleichtern, fühlten, wie trostreich uns der Gedanke an den Höchsten zu iverden vermag, jenes Bild vom Fuße des Sinai würde es uns zu ewigeni Gedächtnis künden. Im Antlitz des Gottesberg, so bannen auch wir den Geist von E Rephidim. In alle Ewigkeit ist er vor uns aufgepflanzt, dieser Gottesw berg, mit jedem neu erwachenden Morgen erblicken wir seine ragenden Felsen — im Banne des Unglücks und der Sünde bedarf es nur eines Aufblicks zu seiner trostreichen Höhe, und es ist uns geholfen! Deinen Gott im Herzen tragend und seine Lehre im Geiste, kannst Du da sündigen? Rein, Du wirst in jedem Augenblick, als stündest Du eben am Fuße des Sinai, die Schauer der Gottesnähe empfinden, die Gottesstimme vernehmen, die immer noch tönt: Fern von Gott — Unheil und Zwietracht, in Gottes Nähe — Segen und Frieden! vr. A. Ackermann S'xt.