Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 27 (4.1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 385 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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385 «Mein Vater", antwortete die junge Frau, «mir ist des Allgütigen Gnade in unverdienter Weise zuteil geworden." «Nicht doch", sagte der Bräutigam, „Dein eigener Edelmut hat Dir das Leben gerettet". Und er erzählte den Vorgang des gestrigen Abends. „Fürwahr", sprach Rabbi Akiba, „Du lehrst mich meine Tochter, einen Ausspruch des weisen Königs richtig zu erfassen. Es heißt im Buche Mischle: Wohltun rettet vom Tode. Ich habe bisher geglaubt, daß sich das auf die künftige Welt beziehe: jetzt aber sehe ich ein, daß es schon in dieser Welt sich erfüllt. Wohltun rettet vom Tode, vom wirklichen, irdischen Tode. Trotzdem bleibt der eigentliche Lohn aufbewahrt für die künftige Welt". Unter Lust und Freude gingen die sieben Hochzettstage dahin. Die Gäste waren in ihre Heimat zurückgekehrt. Sulamith war glücklich im Besitze des Gatten, den sie von frühester Kindheit an geliebt hatte. Nicht so ben Asai. Eine trübe Wolke lagerte auf seiner Stirne vom Morgen bis zum Abend. „Geliebter", sprach eines Tages Sulamith zu ihm, „es schmerzt mich. Dich nicht heiter zu sehen. Sage mir doch, was Dein Herz belastet". „Ich kann es Dir nicht sagen", autwortete der Gefragte, „ich fürchte, meine Mitteilung würde Dich zu sehr betrüben". Als aber Sulamith mit Bitten nicht nachließ, entschloß sich endlich der junge Ehemann seinem Weibe den Kummer seines Herzens zu erschließen. „Du hast mich einst veranlaßt", sagte er, „mein Leben der Thora zu weihen. Meine Liebe zur Thora ist seitdem so stark geworden, daß keine andere Liebe neben ihr in meinem Herzen Raum hat. Jede Minute, die ich dem Thorastudium entziehen muß, erfüllt mich mit Kummer und Betrübnis, und diese Betrübnis hemmt die Spannung meines Geistes". „O, mein Geliebter", antwortete Sulamith; „nicht werde ich Dich hindern, ausschließlich der Gotteslehre zu leben. Je eifriger Du in ihr forschest, desto mehr werde ich Dich lieben und verehren". Ben Asai schüttelte das Haupt. „Schon der Gedanke", sagte er, „an die Pflichten, die ich als Gatte und später als Vater zu erfüllen haben werde, stört und hindert mich unaufhörlich.