Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 23 (7.1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 299 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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299 von der Erde auf, und es geht an die positiven Forderungen, die der Tischoh b'Aw an uns zu stellen hat. Nunmehr tritt der Charakter des Tages als n® als Zeit der Teschuwoh, in de» Vordergrund. Denn all' das Unglück, das mit dem Verlust unseres Landes, der staatlichen Selbständigkeit und dem Untergänge des Heiligtums über uns hineingebrochen, soll uns nicht völlig niedcrwerfen und niederschmettern, sondern wie jede ernste und strafende Gottesschickung, uns zur Selbstbesinnung und Selbsterhebung, zur Teschuwoh. zur Rückkehr zu Gott bringen. Wie der 13'i'in und das rrfo durch Sünde und Abfall» durch Ungehorsam gegen das Gotlesgesetz verursacht sind, so kann auch nur durch unbedingten Gehorsam gegen sein Gebot das Golus ein Ende nehmen, und das hehre Heiligtum ans Morija zu neuer Herrlichkeit erstehen. Schon heiterer erklingen darum die Gebete, wenn wir uns zur Minchazeit wieder versammeln — eben in der Stunde, da der Überlieferung unserer Weisen b’i zufolge das Bes bammikdosch in Flammen aufging, wo also, wie man meinen könnte, der Schmerz am heftigsten sich äußern müßte. Wir öffnen die Thora, um aus ihr zu vernehmen, daß auch heute noch Gott der unveränderlich Allgütige ist, der Urborn aller Kraft, voller Erbarmen und Gnade, langmütig und reich an Liebe und Wahrheit, der Schuld, Fehler und Missetat vergibt (nnn j*'1), dessen erziehende, zurechtweisende und verzeihende Liebe uns leiten wird bis zu dem Tage, da wir ihm ganz zu eigen werden Oon^nri nn^pi), sodaß selbst Israels Weilen im Golus und seine wunderbare Erhaltung in demselben zu einer herrlichen Gottesoffenbarung sich gestaltet ("di rrn? rnra njn). Ist auch der Tempel gefallen. Gott ist uns so nahe wie ehedem, wenn wir ihn nur in Wahrheit suchen (3npTinvr)3 mini? itraana ‘n itf-n). In dieser Tatsache, daß der Tischoh b'Aw nicht nur ein Tag der Klage, sondern gleichzeitig ein Tag der Teschuwoh sein soll, dürfte auch der so auffällig erscheinende Ausspruch unserer Weisen, daß Tischoh b'Aw ei» „Maued* genannt wird — was ja in dem Fortfall des Tachanun-Gebetes zum Ausdruck kommt — seine Erklärung finden. „Maucd" ist eben ein Tag der dazu festgesetzt ist, daß sich an ihm Israel mit seinem Gotte zusammenfindet. Wenn der 9. Aw mit seinen schmerzlichen Erinnerungen diese Wirkung an uns vollbringt, dann kommt gewiß auch die Zeit, die nach der Verheißung Gottes Tischoh b'Aw zu einem wirklichen und vollen „Maued" und „Jaum Ta uw" werden soll.