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Jüdischer Volksbote · 1912-07-01 · 23 (7.1912) · p. Seite 298

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1912
Issue
23 (7.1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 298 (sequence 4)
Language
German
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298 Das von den Propheten verkündigte Zeitalter des Rechtes und der Nächstenliebe, dessen Morgenröte man damals schon meinte begrüßen zu können, ist trotz der auf dem Papier stehenden Gleichberechtigung I noch immer nicht angebrochen, vielmehr vergiftet wieder mittelalterlicher ' Judenhaß das private und öffentliche Leben. Die allerneuesten Zeiten ließen sogar in Osteuropa in den Progromen die blutigen Verfolgungen der Vergangenheit wieder aufleben, und Scharen jüdischer Flüchtlinge überschwemmten die alte und die neue Welt. So mußten wir wieder die Erfüllung der Strafandrohung aus dem Buche der Lehre erleben: fgb ni:p nw HT!D vwzi. »Unter diesen Völkern wirst chu keine Rast finden, und deinem Fußballen wird keine Ruhestatt werden." Ebenso schmerzlich wie voreinst unsere Väter, empfinden wir * oder müßten wir wenigstens die Größe des Unglücks und Leides empfinden, daß der Tischoh b'Aw durch iZiin. durch rio’ntp tt'jÄg ri'?. und das Golus uns gebracht, schmerzlicher noch die Entfremdung unserer Vorfahren von Gott und seiner Lehre, die das zweimalige Unglück dieses Tages veranlaßt hat, am allerschmerzlichsten aber die eigene Entfremdung, den bis auf unsere Zeit fortdauernden Abfall und Ungehorsam gegen die Gesetze der Thora, die uns noch immer an der Wiedererlangung jener so herrliche» und köstlichen Güter hindert, die wir durch eigene Schuld verloren. rb^S ■on ’üp »Auf und jammere in der Nacht", so heißt noch heute die Losung für de» Abend, der dem Tage der Zerstörung vorangeht. Noch heute tönt mit gleichem Recht wie einst in der Nacht aus schmerzerfüllter jüdischer Brust Jeremias Klagelieder um die Zerstörung des e r st e n Tempels, und der frühe Morgen findet uns schon bei den Kinoth, den Klagen, in denen die jüdischen Dichter des Mittelalters den Untergang des zweiten Tempels betrauern, und all' das Leid des finsteren, schmerzreicheu Golus findet jetzt seinen ergreifenden Ausdruck. Endlos fast bis zum Mittag zieht sich der Vortrag der Kinoth hin als gelte es, alles Weh zu erschöpfen, das dieser Tag über uns gebracht. Um Mittag aber verstummt die Klage. Denn nun soll auch die zweite, minder bedeutsame Aufgabe des Tages zu ihrem Rechte kommen. Die Trauer um st'rr und soll ja nicht in atemlosen Jammer sich erschöpfen, sondern wenn der Schmerz um die verlorenen Schätze, über das unendliche Leid unseres Volkes in der Zerstreuung in Worten und Tränen sich Luft gemacht, dann bya GHOiy dann steht man

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