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Jüdischer Volksbote · 1912-05-01 · 22 (5.1912) · p. Seite 286

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1912
Issue
22 (5.1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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286 „Aber wofür halten Sie mich denn? Hoffentlich doch nicht für einen Dieb? Eher werde ich verhungern, als ich mir je etwas nehmen werde." „Nun, wenn es gerade auf das Nehmen ankommt, so will ich dafür sorgen, daß dein Gewiffen auch fernerhin ruhig bleiben kann.- Uno indem Paul dem ganz betroffenen Knaben die Schokolade in die Tasche steckte, fuhr er munter fort: „So, jetzt hast du dir nichts genommen, ich habe es dir ja gegeben." Sogleich brachte Fritz das Paket wieder an seinen Ott zurück, und entrüstet ersuchte er Paul, ihm nie mehr derartige Anerbietungen zu machen. Von jener Zeit an hatte er an dem Gehilfen einen Feind bekommen, der ihm durch alle möglichen Quälereien das Dasein noch mehr erschwerte. IV. Da Paul dem Lehrlinge einen Verrat nicht zutraute, fuhr er jetzt mit seinen Entwendungen wieder fort. Ja, er steigerte sie mit der Zeit in einem solchen Grade, daß Herr Salkind bereits einen Verdacht schöpfte. Nur wußte der Prinzipal nicht, ob der Gehilfe oder der Lehrling der Dieb sei. Er beschloß, auf jeden Fall die beiden genau zu beobachten. Eines Tages machte Paul eine kleine Geschäftsreise, und Fritz war daher mit seinem Prinzipal allein im Laden. Herr Salkind schaute oft nach der Kaffe. Als abends das Geschäft geschloffen wurde, nahm er das Geld an sich. Aber stehe, da fehlte einZwanzigmarkschein, und Salkind konnte sich genau erinnern, daß im Laufe des Tages ein solcher vereinnahmt und nicht wieder ausgegeben wor- . den war. Für ihm stand es nun fest, daß Fritz der Unehrliche war. Er nahm sich vor, am nächsten Tage in aller Früh das Kämmerchen des Lehrlings einer genauen Untersuchung zu unterziehen und den ungetreuen Jungen der Polizei zu übergeben. Auch für beit Fall, daß sich die Banknote nicht mehr vorstnden sollte, wollte er ihn so» fott entlaffen, da er nun überzeugt war, daß Fritz auch die früheren Diebstähle ausgeführt hatte. Dieser war inzwischen ruhig zu Bette gegangen, ohne zu ahnen, welches Ungewitter sich über seinen Haupte zusammenzog. Er schlief so fest und ruhig wie immer nach einem arbeitsreichen Tage, und als kaum der dämmernde Wintermorgen die ersten matten Strahlen dvrch die gefrorenen Scheiben sandte, war er schon wieder fertig angezogen und verrichtete beim trüben Scheine einer kleinen Petroleumlampe andächtig sein Morgengebet. Er hielt soeben bei der Bitte ]ir -icni „Wende Kummer und Sorge von uns ab, regiere du allein. Ewiger, über

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