Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 22 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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287 unS mit Milde und Erbarmen, und rechtfertige uns im Gericht", als die Türe plötzlich geöffnet wurde uud Herr Salkind auf der Schwelle erschien. Dieser hatte erwartet, den Knaben noch im Bette zu finden. Als er ihn aber jetzt vor sich mit Tallis und Thephillin sah, wie er in den kalten Kämmerchen andächtig betete, da stutzte er. Einen Augenblick blieb er stehen, um sich dann, ohne ein Wort zu sprechen, wieder umzudrehen und sich zu entfernen. Ein so gewissenhafter - Knabe konnte kein Dieb sein. Salkind suchte nochmals in Laden nach. Er zog das Kassafach aus dem Ladentisch, leuchtete in den tiefen Hohlraum und fand dort in der Tat die vermißte Banknote. Sie war durch eine Ritze entschlüpft. Als später Fritz seinen Prinzipal nach dem Zwecke seines Erscheinens in der Kammer fragte, erhielt er nur ausweichende Antwort Noch mehr verwunderte er sich, als nach kurzer Zeit Paul «ntlaffen wurde, ohne daß man den Grund hiervon erfuhr. Auch konnte er sich nicht erklären, waruni fast plötzlich das Benehmen feines Prinzipals ihm gegenüber viel freundlicher wurde. < Erst als er nach Jahren das Haus Salkinds, in dem er nach beendigter Lehrzeit als Gehilfe geblieben war, verlieb, um seiner Militärpflicht zu genügen, erfuhr er, wie ihn die Thephillin vor einer schweren Kränkung bewahrt hatten. Herr Salkind bat ihm nämlich beim Abschied herzlich um Verzeihung wegen des schlimmen Verdachtes, den er gegen ihn gehegt hatte. V. In der Kaserne hatte Fritzchens Frömmigkeit eine sehr schwere Probe zu bestehen. — Es war ein freundlicher Herbstmorgen, als er sich dort zum ersteumale von seinem harten Lager erhob, die übrigen Leute, die seine Stube teilten, warteten noch auf das Wecken. Fritz kleidete sich an, wusch sich und legte seine Thephillin. Da hob sich ein Kopf nach dem andern aus den Betten. Erst blödes Gaffen, dann einzelne Ausrufe und Fragen, aber endlich eine Flut vou Schmäh- und Spottwortenl Bald war die ganze Mannschaft aus den Betten und umdrängte Fritz, der sich nicht zu helfen wußte. Er tat das einzig Mögliche, er blickte schweigend in sein Gebetbuch. Aber Ruhe gab es erst, als der Unterosstzier eintrat und dazu aufforderte. (Fortsetzung folgt). *) Vorstehende Erzählung ist mit tSenehmigung der Verlagsbuchhandlung Z. Kauffmann in Frankfurt a M dem soeben erschienenen Buche „AuS jüdischem Hause" von H. Einstaedter entnommen. Das Buch kostet gebunden Mk. 1.20.