Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 22 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4903180-5965941-5965976--478-4903628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
285 und auch die'größte Müdigkeit konnte den gewissenhaften Jüngling nicht verführen, länger im warmen Bette zu bleiben und das Gebet dafür zu kürzen. Beim Beten aber richteten sich seine Gedanken auch heimwärts zu seinen Lieben. Er fühlle sich mit ihnen vereinigt, und leichter ward es ihm dann, die ungewohnten Entbehrungen zu ertragen. Hl. Neben Fritz war in der Handlung von Salkind noch ein junger Mann Namens Paul beschäftigt, der dem Knaben manche trübe Stunde bereitete. Paul war wohl ein tüchtiger Kaufmann, aber kein guter Mensch. Schon kurze Zeit nach seinem Eintritt bei Salkind hatte er versucht, durch Entwendung von Schokoladen und andere» Leckereien die recht knappe Kost zu ergänzen. Später aber, als er die Auswahl im Laden für ungenügend fand, hatte er auch von Zeit zu Zeit kleinere Beträge aus der Ladenkasse entnommen, um sich dafür zu kaufen, was ihm gerade zusagte. Fritzens Eintritt war ihm daher unbequem. Er war jetzt fast nie mehr allein im Laden, und wochenlang sah er sich gezwungen, ) seine Diebstähle zu unterlassen. Endlich aber faßte er sich ein Herz und versuchte, auch den Lehrling auf seine Bahn zu führen. Wieder einmal waren während des Mittagseffen Kunden gekommen. Fritz hatte sie bedienen müssen, und während dieser Zeit war sein Essen verdorben. Mit knurrenden Magen, doch ohne ein Wort der Klage ging der Knabe an seine Arbeit. Ta kam Paul im Laden auf ihn zu, und mit der teilnahmsvollsten Miene, die Fritz an ihm früher nie bemerkt hatte, sprach er zu ihm: „Aber Fritz, du kannst doch nicht satt sein! Warum verlangst du denn nicht. von Frau Salkind anderes Essen, wenn das deinige kalt und dadurch verdorben ist?" Meine Bitte würde wohl keinen Erfolg haben", antwortete der Knabe bescheiden. „Frau Salkind sah ja, daß ich fast noch nichts genossen hatte, da hätte sie mir ja eine andere Speise von selbst anbieten können." „Da magst du wobl recht hoben, und ich möchte dir auch nicht raten, die Prinzipalin zu deiner Feindin zu machen. Aber man hat dir doch Kost und Wohnung versprochen, und was man dir vorenthält, das solltest du dir eben nehmen." Mit diesen Worten wies Paul lächelnd auf den Berg schöner Schokoladetafeln hin, und als ihn Fritz noch nicht ganz begriffen zu haben schien, nahm der Gehilfe eines der größeren Pakete und reichte es den Knaben hin. Dem jedoch stieg die Schamröte in die Wangen, und indem er einige Schritte zurückging, sprach er: