Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 22 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Einem heiteren Morgen hatte seine Kindheit geglichen. Gehütet vnd gepflegt von den treuesten Eltern, umgeben von liebevollen Geschwistern und Kameraden war er ohne Sorgen und ohne Kümmernis biSher durchs Leben gegangen. Seine Barmizwoh-Feier bildete schließlich den Glanzpuntt dieses Lebens-Abschnittes. Kurz nachher schon suchte der Vater für ihn eine Lehrlingsstelle, damit der Knabe sich sogleich nach dem Austtitt aus der Schule einem Beruf zuwenden könne, und die Mutter mühte fich eifrig mit der Fertigstellung seiner Wäsche- und Kleidungsstücke. Gar manche bittere Träne fiel dabet auf ihre Arbeit. Dem Knaben aber, der fich anfangs auf die Veränderung gefreut hatte, kam die Schwere des Schrittes erst zu vollem Bewußtsein, als wirklich die Abschiedsstunde nabte. Nach dem Morgengebete zog der Vater den Knaben zu sich. „Lieber Sohn-, so sprach er, ihm ernst ins Auge schauend, „du hast nun auf lange Zeit zum letzten Male im Elternhause die Thiphillin angelegt. Wenn du sie jetzt zu den andern Sachen in den Koffer packst, so nimm dir vor, daß sie dich überallhin als tteue Freunde begleiten sollen. Gar manchmal wird es dir ein Opfer kosten, sie anzulegen. Bringe es gern! In allen schweren Prüfungen des Lebens wird dir das Bewußtsein erfüllter Pflicht Trost und Beruhigung verleihen.^ Nach diesen Worten legte der Vater dem Sohne die Hände aufs Haupt und segnete und küßte ihn. Fritz aber hatte schwer mit den aufsteigenden Tränen zu kämpfen. Ju jener Stunde gelobte er sich im Stillen, auch in der Fremde den Lehren der Eltern stets treu zu bleiben. Fritz wurde es recht sauer, sich in seine neue Umgebung zu finden. Schon der Empfang wirkte auf den Knaben befremdend. Herr Salkind, sein Prinzipal, stellte ihm gleich nach seiner Ankunft eine solch große Reihe von Pflichten vor, daß Fritz nicht einmal die wenigen Stunden bis zur Abreise seines Vaters, der ihn nach Bergstadt begleitet hatte, in besten Gesellschaft verbringen konnte. Das Leben eines Lehrlings war früher viel schwerer und entbehrungsvoller als heute. Die Geschäftszeit in den Kleinstädten war eine ganz unbeschräntte. Schon um sechs Uhr mußte Fritz den Laden öffnen, damit di» Leute, bevor sie an die Arbeit gingen, bedient werden konnten, und erst spät abends durfte er ihn schließen. Die Geschäftsräume waren ungeheizt. Kam während der Mahlzeit ein Kunde, so mußte der Lehrling vom Tische aufstehen, und oft war das Esten schon ungenießbar, wenn er zurückkehrte. Sein Schlafkämmerchen lag. unter dem Dache und war im Winter bitter kalt. Ein Ofen war uicht vorhanden. Dieses hinderte Fritz jedoch nicht, selbst bei der grimmigsten Kälte morgens dort sein Gebet andächtig zu verrichten.