Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 21 (3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 375 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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375 wo sich Schmutz angehäuft hat, werden sich unter den Millionen von Bakterien auch krankheitserregende befinden; darin schmutziger Ort feit längerer Zeit nicht gereinigt worden ist, so können sich gerade hier leicht Batterien finden, die einmal ein Kranker.ansgehaucht oder auSgespieen hat. Die schlimmsten Missetäter sind die Finger. Denn da sie naturgemäß am häufigsten mit schmutzigen und staubigen Gegenständen, mit dem Böden u. s. w. direkt oder indirett in Berührung kommen, andererseits aber von unsauberen Menschen viel zu häufig zum Münde geführt werden, so ergibt sich, daß die Sauberhaltung der Finger vom hygienischen Standpunkt daerste und wichtigste Erfordernis ist. Häufige Waschung der Hände, besondervor dem Essen oder nach der Berührung schmutziger Gegenstände, Kurz- und Sauberhaltung der Nägel müssen schon dem Kinde zur Gewohnheit werden, nicht nur, damit ihm diese Gewohnheit schon in frühester Zeit in Fleisch und Blut übergehe, sondern weil gerade das Kind durch unsaubere Finger in seiner Gesundheit gefährlich ist. Denn das Kind führt einerseits die Finger häufiger zum Munde als der Erwachsene — beim Essen oder indem es lutscht fährt aber andererseits, besonders solange eS noch nicht gehen kann, mit den Händchen fortwährend auf dem Boden herum. Der Böden aber ist besonders reich aw Batterien, schon deshalb weil die Schuhe die Batterien des Straßenschmutzes auf ihn verschleppen — von der Unsitte, ins Zimmer auszuspeien, garnicht zu reden! Ist kurz vorher der Boden feucht ausgenommen worden, so ist ja die Gefahr etwas gemindert f das trockene Abwischen dagegen, das Abstauben, ist die reinste Selbsttäuschung, da es ja nur zum Zwecke hat, Staub und Batterien von einer Stelle °zu einer anderen hinzuschieben oder gar in die Luft aufzuwirbeln, wo dann die Batterien durch Einatmung in die Lunge geraten. Es hat nichts zu bedeuten, wenn man auf dem Boden des Zimmers und der Straße von menschlichem Auswurf nichts bemertt. Er trocknet ja rasch ein; aber die darin häufig enthaltenen Tuberkelbacillen sind sehr widerstandsfähig und werden späterhin in die Lust gewirbelt. Das Sprengen verkehrsreicher, staubiger Straßen sowie das Betbot des Ausspeiens ist daher hygienische Pflicht, das Tragen staubaufwirbelnder Schleppen ein strafwürdiger Unfugs Die Erfahrung lehrt, daß die Belehrung der Kinder und ihre Gewöh. nung an saubere Finger, die oft selbst in sogenannten besseren Familien oft auf tiefster Stufe steht, mit großem Erfolg und ohne sonderliche Schwierigkeit durchführbar ist, so daß die Kinder sich bei der geringsten Besudelung der Finger sofort melden. Auch der Erwachsene vermeide es, die Finger mit schmutzigem Material iu Berührung zu bringen. Da dies indes unvermeidlich ist, und beim Essen, z. B. des Brotes, die Finger in jedem Falle mit dem Mund , in Berührung kommen, so muß principiell vor jedem Essen eine Waschung erfolgen, gleichviel, was und wieviel gegessen wird; unter Umständen ist natürlich Abseifung mit Bürste und Seife unerläßlich. Belm Trinken, überhaupt dort, wo die Finger nicht dirett den Mund berühren, . ist die Waschung nicht dirett erforderlich. Auch die hierzu notwendige kurze Tätigkeit ist dem Menschen, der an sie gewohnt ist, nicht störend. Unsere moderne« Tischsitten stammen meist von den Taftln der seingeistig gebildeten Ritter der alten südfranzösischen Provence und waren sicher nur das Produtt guten Geschmackes, peinlicher Sauberkeit und wohlgepflegten Schönheitssinnes. Aber, gerade diese Eigenschaften sind die wirksamsten und sichersten Grundlagen moderner Hygiene. Sie. finden in der Natur, eine sehr reale Basis.