Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 20 (1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 348 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Wir verstehen also, warum die Angst vor der fortwährend drohenden Ansteckungsgefahr ebenso lächerlich ist, wie die Verachtung der Gefahr. Diese Verachtung beruht gewöhnlich, wo sie eine bewußte ist, auf mangelnder Beobachtungsgabe oder mangelnder Logik. Der Betreffende hat die Erfahrung gemacht, daß er stich ohne besondere Schntzmaßregeln mit einem diphteriekranken Kinde beschäftigt hat, ohne daß er selbst erkrankt wäre oder andere angesteckt hätte. DaS ist etwa so, alS ob einer sich darauf berufen wollte, daß er einmal einen Hausen Papier mitten im Zimmer lichterloh habe brennen lasten und doch das Haus verlaffeu habe, ohne daß etwas paffiert sei. Das ist wohl möglich, eS ist sogar das Wahrscheinlichere, daß nicht gleich das Hans in Brand gerät. Trotzdem wäre es ein Wahnsinn, aus dem Begebnis die Erfahrung abznleiten, daß es erlaubt sei, sich um einen kleinen Zimmerbrand nicht zu kümmern — wenn anders uns das Leben der Hausbewohner wertvoll ist. Wie hätten auch manche Krankheiten, man denke nur an die Lungenschwindsucht, diese enorme Verbreitung gewinnen können, wenn ihnen nicht die Verständnislosigkeit der Menschen den Weg geebnet hätte! Durch die fortschreitende Aufklärung gelingt eS in der Tat, den Seuchen Schritt für Schritt den Boden abzugewinnen. Wenn wir also auch die Pflicht haben, die Bakterien von unserem Körper abzuwehren und zu dem Selbstschutz unseres Blutes Vertrauen zu fasten, so ist die Anstecknngsfnrcht [um zu diesem anderen Extrem wieder zurückzukehrenj nicht nur aus den dargelegten Gründen sinnlos und unbegründet, sondern sie ist sogar schädlich und gefährlich. Die Angst schadet wirklich dem Körper und vermindert seine Widerstandsfähigkeit. So geschieht es oft bei Epidemieen, daß viele Menschen, die die Nähe der Kranken peinlichst meiden und große Angst vor der Ansteckung haben, von der Seuche dennoch errafft werden, während die Aerzte, die mit dem Krankheitsstoff fortwährend in Berührung kommen, gesund bleiben, weil sie sich sorgfältig von solchen Stoffen reinigen und keine Furcht haben. J (Forts, folgt.) Ä Altjädiscbe Trömitiigkelt. I. Das Buch der Frommen (Fortsetzung). (Im Auszug.) 6b (,55). Fähig zum Guten und fähig zum Schlechten ist jeder. Dem Guten ist aber auch die Fähigkeit zum Schlechten eine Wohltat. Er sieht, welche unendliche Mühe sich der Schlechte gibt seine Leidenschaft __ zu befriedigen, wie viele Pläne er ersinnt, seine Gelüste zu erreichen, und ' oft ist es nur der Genuß eines kurzen Augenblickes, an den er sein Leben läßt. Räuber, Diebe, Buhler stülpen sich in die größte Gefahr um der zweifelhaften Beftiedigung einer Begierde willen — und er, der Gute, um