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Jüdischer Volksbote · 1911-12-01 · 19 (12.1911) · p. Seite 338

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1911
Issue
19 (12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 338 (sequence 18)
Language
German
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338 Klang der Klagelieder raunte und die frommen Bußgebete heranffluteten, die heimwehkranken Herzen entstiegen: Ein ganzer Schrei nach erlösender Rückkehr in die Jordansau. Ihr steht in dunkler Neumondnacht auf des Oelbergs einsamer Flur, und drüben an der Klagemauer beweint eines Volkes armer Rest' deS zertriimnierten Zions Größe und in aller Welt sehnen sich 'J3 nach der heiligen Stätte, seit Jahrhunderten. Wund geschlagen von des Römers Eisenfaust, von Titus stolzem Siegerfuß zu Boden gestampft,, entrechtet ganz aus Zions Mauern durch des Imperator Machtwort: ward der Jude Flüchtling aus dem Lande seiner Väter; ein rechteloser Wanderer zog von den Gräbern seiner Ahnen in die weite Welt — und der Pflug riß den Boden auf, wo einst des hohen Tempels Fundament gegründet! Aber die Grausamkeit des Römers hatte den Juden nicht getötet. Die Volksseele die einen Simson, eine Deborah, einen David, eine Judith erwickte, uiußte weiter zeugen! Also hatte der -Jude aus seinem innersten Sein urwüchsige Lebenskraft. Er wurde wieder heil und gewann die Fähigkeit, neu sich zu entfalten. Wüstenglut und Steppenbraud sengten auf die Ahnen nieder, da sie nach dem Auszug aus Egypten neue Wohnstatt suchten. Unter Stürmen aller Art wuchs das Judentum in der Diaspora heran. Zu Hunderttausenden vermehrten sich die Söhne und Töchter der Jakobsfamilie gemäß des göttlichen Segens an dem Stammvater Abraham nach 1. Mos. 22, 17. Uod wo man sie friedlich siedeln ließ, wurden sie lebendiger Teil des Gastvolks: treu und dankbar, wohltätig, vaterländisch opferbereit, und taten es in aller Erringung von Kulturwerten den anderen Einwohnern gleich, wenn sie ohne Hemmungen Mitarbeiten durften. Also — nur im Anteil ihrer religiösen Betätigung für sich gesondert — erprobten sie sich als gute Mitbürger und fühlten sich in Zeiten des Glücks, wie zu Stunden der Not als aufrichtige Patrioten und stets hilfsbereite Mitbürger. Das wurde nicht immer und in manchen Ländern noch niemals ganz gewürdigt und gelohnt. In Zeiten, die hinter uns liegen, quälte man die Juden körperlich. ' Man sperrte sie in die engen, krummen Gassen der dumpfen und winkeligen Ghetti; gab ihnen den Auftrag besonderer Kleidung oder schrieb ihnen, gleich gefährlichen Kranken und staatsbürgerlich Unterwertigen — vor, bestimmte Abzeichen zu tragen; das ist heute in den meisten Ländern ein verlassener Standpunkt. Aber noch im zwanzigsten Jahrhundert vorenthält ihnen das Reich des Zaren die freie Wahl des Domizils und beschränkr ihre Freiheit auch sonst durch verschiedene administrative Maßnahmen, welche die Entfaltung der Persönlichkeit unterbinden. Und bei alle» anderen Freiheiten in unseren Kulturstaaten, errichtet man da nicht auch heute noch Schranken, für die Inden wenigstens, die nicht zu einem christlichen Bekenntnis übertreten, sondern im Glauben ihrer Bitter verharren? Bleibt es für diese durch den Ausschluß von bestimmten Berufen und Aemter» nicht gleichwohl bei der Lieblosigkeit einer Art von Ghetto? Freilich hat dieses zumeist die human gemilderte Form des gesellschaft«

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