Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 19 (12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 335 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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335 dann schmerzte es Akiba, daß die in Reichtum und Ueberfluß erzogene ein so entbehrungsvolles Leben führen mußte. — Aber es gab noch ärmere Leute. In Korchah wohnte ein Mann, namens Elijohu; er hatte bei der Arbeit ein Bein gebrochen, und lag nun seit Wochen auf dem Schmerzenslager; schon war Alles was er besessen hatte, verkauft; da genas, um das Elend voll zu machen, seine Frau eines Knäbleins. So lagen sie nun beide Mann und Frau, krank und hilflos da. — Als Akiba gegen Abend von Gimso hcimkehrte, wo er den Tag über bei Nachum Thora gelernt hatte, hörte in der Hütte des Elijahu iveinen und klagen. Er ging hinein und sah das schreckliche Elend vor Augen. Betrübt kam er nach Hause. „Ach"', sagte er zu seinem Weibe, „wenn ich Geld hätte, wie wüßte ich es jetzt so gut zu verwenden I" Und er erzählte von der Not und dem Elende, welche in ber Hütte Elijahus herrschte. — Da zog Rahel einen Beutel mit Silbermünzen aus ihrem Gewände und reichte denselben ihrem Gatten. „Sieh hier", sprach sie, „was ich von meiner Hände Arbeit erspart habe für die Zeit, welche bald herannahen wird und in der ich nicht arbeiten werde können. Nimm dieses Geld und trage es in die Hüttr des armen Elijahu. Uns aber wird Gott in anderer Weise helfen." „Du edles Weib", sprach Akiba, „nicht allein, daß Du die größten Opfer gebracht hast, um mich für das Thoralernen zu gewinnen, nicht allein, daß Du, die rerche Tochter des Kalba Sabua, Dir die größten Entbehrungen auflegst. Du beraubst Dich auch noch Deiner Sparpfennige, um das Elend Anderer zu lindern. Dein Vertrauen zu Gott ist so groß, wie die Liebe zur Thora, und Dein Mitgefühl für das Leiden Fremder läßt Dich die eigene Not vergessen! O, ich bin ein reicher Mann, da ich ein solches Weib besitze; ich beneide nicht den römischen Kaiser um seine Schätze I Aber sollte mir Gott einst Geld und Gut bescheiden, so sollst Du geschmückt wie eine Fürstin einhergehen, und zur Erinnerung an diese Stunde soll ein goldenes Diadem Deine Stirne zieren, in das der geschickteste Künstler das Bild der heiligen Stadt Jerusalem hineingraviren soll!" „Schwärmer!" antwortete Rahel lächelnd. „Jetzt aber gehe und bringe den Leidenden die heißersehnte Hilfe."