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Jüdischer Volksbote · 1911-12-01 · 19 (12.1911) · p. Seite 327

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1911
Issue
19 (12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 327 (sequence 7)
Language
German
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327 'Alkohol zwar zunächst anregend, dann aber erschlaffend wirkt (wie soviel« -Gifte). Will man sich also nur einmal über Müdigkeit und Erschlaffung chinweghelfen, um dann im Schlafe auszuruhen, dann ist ein Schluck wahlberechtigt. Muß man aber bei eintretender Erschlaffung immer wieder durch Alkoholgenuß für neue Anregung sorgen, so ruiniert man «seine Schaffenskraft, schwächt seine Energie und wird bald zum -Sklaven des Alkohol. Die erfahrenen Bergsteiger wiffen sehr wohl, s warum sie, die doch gewiß Kraft und Energie aufs höchste steigern müssen, auf den Alkohol ganz verzichten. Auch die Nahrhaftigkeit dos Alkohols dient den Trinkern meist nur als Ausrede: gewiß er heizt und spart Eiweiß, aber sein Nährwert ist etwa 4 mal so teuer als der gleiche Nährwert in der Semmel. Der Alkohol fördert auch die Geselligkeit, er stimmt heiterer und unbefangener, stumpft die vom Tage übernommene Er- -regbarkeit in wohltuender Weise ab und beflügelt die Phantasie auf Kosten der Vernunft. Gewiß darf man von diesem wohltätigen Mittel zuweilen bescheidenen Gebrauch machen, aber man vergeffe nicht, daß dieser Zustand, in den uns der „Sorgenbrecher" versetzt, eine Art Lähmungszustand ist, der dadurch entsteht, daß die sonst wirksamen Hemmungen fortfallen. Und wie leicht wird die erlaubte Grenze überschritten, und ferner — was weit schlimmer ist — wie leicht wird dieser fröhliche Trunk zur Gewohnheit! Es entwickelt sich so der platte Philister, der allabendlich am Stammtisch -seine 4 — & Glas vertilgt, dessen Interessen sich immer mehr auf Beruf und Biertrinken beschränken — eine Art chronischer Verblödung! Unsinnige Trinksitten und allzuhäufige Gelegenheit — denn bei jeder Zusammenkunft - rechnet der Wirt auf Absatz von Bier! — mehren die Gefahr der Ber- , Führung. So gehört heute schon ein gewisser Grad von Festigkeit dazu nicht Gewohnheitstrinker zu werden. Eine bestimmte Grenze ist natürlich nicht anzugeben. Ein Liter Bier oder *jl0 Liter. Wein oder 1/12 Liter Branntwein täglich werden von den nieisten Männern anstandlos vertragen. Aber wie eben von vielen — sicher ohne Schaden — auch mehr vertragen wird, so ist jenes Quantum für andere oft schon ein starkes Gift — und es sind das -durchaus nicht immer Schwächlinge! Wer nicht Gewohnheitstrinker ist, dem wird ja ein ausnahmsweise hoch bemessenes Quantum gelegentlich nichts schaden. Auch der Arbeiter draußen in der Kälte wird zuweilen einen Schluck nicht missen wollen. Aber selbst wer ein bestimmtes größeres Quantum glatt verträgt, gewöhne sich nicht daran, dieses Quantum so lange täglich zu genießen, bis er es nicht entbehren kann. Gewiß wird er sich wie der starke Raucher darauf berufen, erstens, daß sein Freund oder Nater ebenso viel getrunken habe und dabei 80 Jahre alt geworden sei, zweitens, daß er selbst schon seit 10 Jahren gleich viel trinke und nicht die geringsten Beschwerden davon habe. Er weiß nicht oder will es nicht wissen, daß daS Maß dessen, was zwei Menschen vertragen, verschieden ist, und daß bei gleichem Genußquantum der eine 80 Jahre alt wird, während Ler andere mit 50 Jahren im Delirium stirbt. Und wer weiß, ob nicht Lie Schaffenskraft des ersteren dauernd gelitten hat. Was aber den

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