Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 19 (12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 328 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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328 zweiten Beweis der Unschädlichkeit betrifft, so ist er auS Mangel an Erfahrung zu entschuldigen. Zu spät erkennt der Trinker, dem ein gewisses Quantum angeblich 20 Jahre nichts geschadet hat, wie das Gift seinen Organismus langsam zerrüttet hat — wenn sich im 21. Jahre dann plöhlichdie ersten Herzerscheinungrn eiustellen, die dann rapide zunehmen. Das Organ, das durch den Alkoholismus am meisten geschädigt wird,, ist das Herz, besonders beim Biertrinker. Bei Wein- und Schnüpstrinkern wird die Leber stärker angegriffen. Indessen leiden auch die anderen Organe fast sämtlich. Bon dem Bierherz, dem mächtig vergrößerten, verfetteten Organ, hat schon jeder Laie sprechen hören, und jeder kennt den Typus des Trinkers mit rotem Gesicht, heiserer Stimme^ erschwerter Atmung. Auch die Verkalkung macht rasche Fortschritte. Die Veränderung an Leber und Nieren sind hier nicht zu besprechen. Wohl aber müssen wir auf die Schädigungen der Nerven Hinweisen. Wenn es langsam abwärts geht bis zur vollendeten Trunksucht, so schreitet die Stumpfheit des Gemüts, das abnehmende Pflicht- und Ehrgefühl über die Arbeitsscheu immer weiter fort bis zum Säuferwahn und endet im Verbrechen. So ist die Trunksucht eine wahre Seuche, im körperlichen^ geistigen und sittlichen Sinne. Da die Trinker leichter erkranken oder auch eine Erkrankung fz. B. Influenza, Lungenentzündung) schwerer überwinden als normale Menschen, so sterben sie relativ früh; das Durchschnittsalter, das der Trinker erreicht, beträgt nur 41 Jahre.. Die Nachkommenschaft der Trinker ist oft schwachsinnig, epileptisch, neigt zu Verbrechen. Geisteskranke sind oft Kinder von Trunksüchtigen. Es ist natürlichein Segen, daß so die verseuchten Geschlechter aussterben, und das Volk vor der Vermischung mit ihnen bewahrt bleibt. Trinker und ihre Nachkommen füllen die Strafanstalten und Irrenhäuser. Und nur die Leiter dieser Anstalten und die Fachleute wissen, welche Rolle der Alkohol im Leben der Völker spiell. Nun wendet sich zwar mancher mit Grauen von diesem Typus des Gewohnheitstrinkers ab, genießt aber selbst regelmäßig ein nicht geringes Quantum, das er eben vertragen zu können glaubt. Er vergißt, daß auch mancher Säufer erst durch ganz, ganz allmähliche Erhöhung seines Quantums auf die schiefe Ebene geraten ist. Und ferner: es gibt ja auch Uebergänge zwischen der geringfügigen und der schwersten Wirkung, des Alkohols. Dasselbe Gift, das Körper und Geist völlig zerrütten kann^ kann auch leise und unbemerkbar die Gesundheit von Herz und Nerven untergraben. Gerade der nervöse Städter, der leicht zum sorgenvertreitreibenden Glase greift, übe Selbstbeherrschung, denn derselbe Stoff, der seine leicht erregbaren Nerven immer wieder beruhigt, macht sie zugleich immer erregbarer. Also hüte dich vor dem Uebermaß! Doppelt, wenn du nicht von stählerner Gesundheit bist, oder wenn du , keinen Alkohol verträgst. Empfinde das nicht als Schande und zwinge dich nicht dazu, das Trinken zu erlernen, um im Kreise der Freunde bestehen zu können. Setze dich über die Trinksitte kühn hinweg I Wer nicht